Wie Digitalisierung die Kulturwelt verändert
Drei Perspektiven

Eine Band, die mit Clicks bezahlt wird, eine erfolgreiche Autorin, deren Texte kaum gedruckt werden, und ein Museum, das man von Zuhause aus besuchen kann - Digitalisierung hat die Kulturwelt verändert. Eine digitale Spurensuche.

 

 

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Musik
Kapelle Petra
Spotify ist Fluch und Segen

Kapelle Petra gab es schon, als die CD noch aktuell war. Seit 1996 machen Guido "Opa" Scholz (Gesang und Gitarre), Rainer „Der tägliche Siepe“ Siepmann (Bass und Hintergrundgesang) und Markus „Ficken“ Schmidt (Drums) gemeinsam Indie-Rock. Erst zehn Jahre später ging der Musikstreamingdienst Spotify an den Start. Seitdem hat Streaming die gesamte Musikindustrie verändert - auch Kapelle Petra. Wir haben die drei Bandmitglieder in ihrem Probenraum in Hamm getroffen, um mit ihnen über CD-Verkäufe, den Kampf um Klicks und den Unterschied zwischen musikalischem und finanziellem Erfolg zu sprechen.

 

Kapelle Petra
Wie hat Spotify eure Arbeit verändert?
Kapelle Petra
Wie verkaufen sich eure CDs heute?
Kapelle Petra
Nutzt ihr selbst Spotify?

Hintergrund

Martin Lücke ist Professor für Musik- und Kulturmanagement an der Hochschule Macromedia in Berlin.
წყარო: Martin Lücke
Prof. Martin Lücke im Interview
"Althergebrachte Geschäftsmodelle sind verschwunden"

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Digitalisierung im Hinblick auf Digitalisierung und Musik allgemein ein?

Die Digitalisierung hat fast alle Geschäftsmodelle rund um die Musik in den letzten zwei Jahrzehnten verändert. Wir konsumieren heute Musik auf ganz andere Art und Weise (Streaming). Althergebrachte Geschäftsmodelle sind verschwunden, neue Player am Markt erschienen. Das hat einen riesigen Umbruch bewirkt. Und die Digitalisierung wird weitere Bereiche des privaten und beruflichen Lebens verändern, das ist sicher.

Welche Vorteile und Nachteile sehen Sie für Musik im digitalen Bereich bzw. auf Streamingplattformen?

Dabei kommt es immer an, von wem wir sprechen: Konsumenten, Labels, Künstler. Für Konsumenten gibt es eigentlich nur Vorteile, ein Angebot von 40 Millionen Titeln für 9,99 Euro monatlich, also weniger als eine CD, und dies überall. Labels mussten sich auf die neuen Plattformen einstellen, je mehr Konsumenten jedoch auf Streaminglattformen zu finden sind, desto höher auch die Einnahmen der Labels. Künstler... Hier ist es schwieriger. Als Künstler muss ich präsent sein im digitalen Bereich, aber die Einnahmen sind extrem gesunken, hier sehe ich auch für die Zukunft das größte Problem.

Inwiefern hat sich die Musik durch Streamingdienst verändert? 

Das ist noch schwer zu sagen. Man weiß inzwischen, dass der Hörer früher „gecatcht“ werden muss, denn erst nach 30 Sekunden zählt ein Stream. Ich habe also einen Grund, Songs früher interessant zu gestalten. Das wird aber ein Thema sein, dem man sich in den nächsten Jahren intensiver widmen muss.

Wohin wird die Digitalisierung die Musik noch bringen? Gibt es irgendwann nur noch Konzerte per Livestream oder keine CDs mehr?

Die CD wird irgendwann ein Nischenprodukt, so wie heute Vinyl, aber niemals weg sein. Konzerte sind da anders. Konzerte per Stream sind nett, aber das Gefühl des Live-Ereignisses, das Gemeinschaftsgefühl ist nicht vorhanden, also bin ich sicher, dass das Konzert weiterhin bestehen wird und durch nichts zu ersetzen ist. Der Stream von Konzerten ist ein Zusatzservice.

Wie repräsentativ sind die Spotify-Charts? Ist ein Künstler wirklich berühmt, wenn er darin ganz oben steht?

Ja und nein. Er ist berühmt in der Nutzergruppe von Spotify. Musik kann aber so vielfältig genutzt werden, CD, Vinyl, YouTube... Viele Nutzergruppen haben noch ihr Medium. Also ist ein Künstler in den Spotify-Charts bei Spotify-Nutzern beliebt, aber das kann man nicht zwangsläufig auf die Allgemeinheit ausweiten.

Senkt Streaming wirklich die Hemmschwelle, schneller zum nächsten Lied weiterzuschalten?

Schwierige Frage: Wenn ich gezielt etwas aus meiner Bibliothek höre, dann nein, wenn ich einfach die Vorschlagslisten nutze, vielleicht.

Kann man als Künstler über Streaming-Dienste reich werden? Wenn ja, wie?

Je mehr ein Künstler gestreamt wird, desto höher die Einnahmen, ganz einfach. Werde ich sehr, sehr viel gestreamt, habe ich hohe Einnahmen, wenn nicht, nicht!

Wie lassen sich Digitalisierung und Streaming mit dem aktuellen Hype um analoge Medien wie Schallplatten vereinbaren?

Vinyl ist vor allem in der Gruppe der Über-40-Jährigen beliebt, aber eine Nische. Das sind Plattensammler, Liebhaber, die sich diesem Medium (wieder) zuwenden. Streaming ist der Massenkonsum. Das passt also gut zusammen.

Nikolas Golsch
Literatur
Nikolas Golsch
Poppy J. Anderson - Nicht nur Autorin, sondern auch Verlegerin
Poppy J. Anderson im Interview
Wie Self Publisher den Buchmarkt verändern

Wer als Autor eine tolle Idee für ein Buch hat, dann aber einfach keinen Verlag findet, der sein Manuskript herausgeben will, der kann leicht in Frust verfallen. Selbst wer einen Verlag findet, muss oft jahrelang warten, bis das Buch dann endlich fertig im Buchladen liegt. Deswegen schenken sich einige Autoren die Zusammenarbeit mit einem Verlag und bringen ihre Geschichten einfach selbst auf den Markt, als sogenannte „Self Publisher“ im Selbstverlag. Klassische Verlag merken den Wandel hin zum digitalen Buchmarkt langsam aber sicher.

Carolin Bendel stapelt gut ein Dutzend Bücher auf ihrem Wohnzimmertisch auf. Die Cover sind so bunt wie die Wände und Möbel in ihrem Bungalow in Hattingen, von dem aus man einen guten Blick auf ein kleines Tal hat. Hier lebt und arbeitet die 36-Jährige, die sich Poppy J. Anderson nennt. Ihre Bücher tragen Titel wie „Küsse zum Nachtisch“, „Verrückt nach einem Tollpatsch“ oder „Unverhofft verliebt“.

Die Taschenbücher auf ihrem Wohnzimmertisch sind jedoch nur Einzelstücke. Eigentlich gibt es ihre Bücher nur virtuell und digital: Carolin Bendel veröffentlicht ihre Geschichten als E-Books auf Plattformen wie Amazon – im Selbstverlag als sogenannte „Self Publisherin“.

„Self Publishing bedeutet, dass man nicht nur Autorin ist, sondern wirklich Verlegerin. Man veröffentlicht das Buch selber, ist auch für Cover, Satz und Layout zuständig und auch für die Veröffentlichung“, erklärt Bendel. Im Prinzip macht sie also all das selbst, was im Normalfall ein Verlag übernimmt.

Im März 2015 war Bendel die erste deutsche Autorin, die mehr als eine Millionen Bücher im Selbstverlag verkauft hat. Mittlerweile sind es über drei Millionen. Mit diesem Erfolg hätte die studierte Germanistin anfangs nie gerechnet. „Die Idee kam eigentlich aus einer Sektlaune heraus“, sagt sie. Ihr erstes E-Book – über eine Romanze unter Footballern – hat sie 2012 eher aus Spaß ins Netz gestellt, mit eher laienhaftem Cover und Layout aus dem Word-Dokument.

Gehofft hat sie damals auf 50 Leser im Jahr. Am Ende waren es 100.000 Leser. Mittlerweile hat sie das Cover ausgetauscht, ihre geplante Doktorarbeit erstmal auf Eis gelegt und stattdessen gut 40 E-Books veröffentlicht. Auch Verlage sind schon auf sie zugekommen, bisher hat sie solche Angebote aber nur ein paar Mal angenommen und veröffentlicht weiter im Selbstverlag.

„Der Vorteil ist, dass ich wirklich komplett unabhängig bin. Ich kann selber alles bestimmen. Wie und wann veröffentliche ich? Bei Verlagen muss ein Buch oft ins Programm passen. Da heißt es dann: ‚Wir haben schon zwei ähnliche Bücher dieses Jahr, lass uns das in zwei Jahren rausbringen.‘“ Das Problem hat sie beim Self Publishing nicht, sondern kann alles selbst entscheiden. Auch die Preise kann sie selber festlegen und muss von ihren Einnahmen nichts an einen Verlag abgeben.

Geschichten wie die von Carolin Bendel tauchen seit einigen Jahren immer wieder in den Medien auf. Sie würden aber oft suggerieren, dass es im Grunde kinderleicht ist, seine Geschichten als E-Books zu verkaufen, kritisiert der Literaturkritiker Wolfgang Tischer, der für die Webseite „Literaturcafé.de“ seit Jahren den Buchmarkt beobachtet. Wer als Selbstverleger Erfolg haben will, müsse sich ein Team aus Profis zusammenstellen.

„Man muss sich Gedanken machen: Welche Preise sind im Self Publishing-Bereich sinnvoll? Das Cover ist ein ganz wichtiger Aspekt. Wenn man sich die Titel von erfolgreichen Self Publishern anschaut, dann stellt man fest, dass es da keinen Unterschied mehr gibt zu klassischen Verlagstiteln“, sagt Tischer. „Professionelle Self Publisher arbeiten genauso mit Profi-Designern zusammen.“ Gleiches gelte auch für das Lektorat: „Es sehr wichtig, dass man da einen Gegenpart hat – also einen Lektor, der weiß, was die Leser erwarten.“

Genau das hat Carolin Bendel gemacht. Für Grafikdesign, Layout und Lektorat hat sie sich mittlerweile ein Team aus Freiberuflern zusammengestellt. Auch sie sagt, dass die Arbeit oft unterschätzt wird – etwa 70 Prozent ihrer Zeit verbringt sie nicht mit Schreiben, sondern zum Beispiel mit Telefonaten und Marketing.

Erfolgsgeschichten wie die von Carolin Bendel seien deswegen eher eine Ausnahme, sagt Wolfgang Tischer. Insgesamt gebe es vielleicht eine Hand voll Autoren, die von ihrer Arbeit leben können. Auffällig ist, dass fast alle erfolgreichen Titel aus dem Unterhaltungsbereich kommen: „Im Self Publishing sind die Dinge gefragt wie Thriller, Fantasy, Liebesromanzen oder Erotik. Literarische Titel à la Hansa oder Suhrkamp sind darunter eher weniger zu finden.“

Viele der Autoren veröffentlichen außerdem viele Bücher in relativ kurzer Zeit. Möglich gemacht hat das vor allem Amazon mit seiner Direct-Publishing-Plattform, auf der Autoren ihre E-Books mit nur wenigen Klicks hochladen können. Im Zusammenspiel mit Amazons Kindl habe das den Buchmarkt 2011 entscheidend verändert, sagt Wolfgang Tischer. Das liege auch an den Tantiemen für die Autoren, die im Self Publishing bei 80 im Schnitt 80 Prozent lägen. Im klassischen Verlagsbereich lägen diese oft bei nur fünf bis zehn Prozent.

Viele Verlage haben seitdem darauf reagiert und jeweils eigene Plattformen aufgebaut, auf denen Self Publisher ihre Bücher veröffentlichen können. Manch gewitzter Verleger sichert sich dabei dann auch gleich schonmal die Rechte am Manuskript – für den Fall, dass sich das E-Book im Netz gut verkauft.

Alexandra Prokofev und Marei Vittinghoff
Kunst
Museum Folkwang
Der digitale Museumsbesuch

Ein Museumsbesuch vom Sofa aus? Im Museum Folkwang in Essen ist das möglich. Zu jeder Uhrzeit und überall auf der Welt können Besucher dort durch die Ausstellungsräume gehen – zumindest digital. Das Museum nutzt die Anwendung „Google Arts & Culture“, die einen virtuellen Rundgang im Stil von Google Street View ermöglicht. Außerdem gibt es eine Online-Sammlung, exklusive Online-Ausstellungen und eine App, die den Nutzer über bestimmte Werke und Künstler informiert und durch das Museum navigiert, wenn eine Ausstellung doch einmal ganz klassisch analog erkundet werden soll. Wir haben mit Anna Sophie Littmann vom Museum Folkwang darüber gesprochen, welche Möglichkeiten und Grenzen es aus ihrer Sicht für die Digitalisierung in Museen gibt und was einen analogen Aufenthalt immer noch von einem digitalen Besuch unterscheidet.

 

Alexandra Prokofev und Marei Vittinghoff
Wie würden Sie die digitale Strategie des Museum Folkwang beschreiben?
Vincent van Gogh digital erleben?

Das Museum Folkwang macht es möglich

 

Alexandra Prokofev und Marei Vittinghoff
Welcher Auwand bedeutet die Digitalisierung für Sie?
Alexandra Prokofev und Marei Vittinghoff
Wo liegen die Grenzen der Digitalisierung im Museum?
Prof. Guido Fackler
Das Digitale kann zur Demokratie beitragen

Im Interview: Guido Fackler, Professor für Museologie an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg.

Welche Chancen bietet eine Digitalisierung in den Museen?

Plötzlich kann man mit den Besuchern in Kontakt treten. Ein Museum ist nicht mehr eine autoritäre Sache, in der man von oben belehrt wird, es wird offen für das Publikum und für mehr Gruppen. Das rein fachlich orientierte Konzept ist heruntergekommen. Viele digitale Formate sind auch für Menschen mit Handicap zugänglich, man muss sich nicht bewegen und kann zum Beispiel Online-Führungen buchen. Dann kann das Digitale sogar zur Demokratie beitragen.

Also können digitalisierte Museen mehr Menschen erreichen?

Nicht zwingend. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Digitale Ausstellungen oder einfache 3D Animationen sind zum Beispiel aus Nutzersicht relativ reizlos. Der Kostenaufwand muss mit einem Entdeckertool verknüpft werden. Zum Beispiel muss der Nutzer ein 3D Objekt auch mal selbst drehen können und heranzoomen können. Ein einfaches Durchscrollen durch die Online-Seite reicht da nicht, der Besucher braucht einen inhaltlichen Mehrwert und es müssen verschiedene Sinne angesprochen werden.

Warum kann man nicht alles so lassen, wie es ist?

Dann würde man die allgemeine Entwicklung verschlafen, wir können ja auch sagen wir hätten nie auf elektrisches Licht umsteigen sollen. Das Digitale bietet eine ganz neue Qualität und ist zusätzlich zu den klassischen Museumsaufgaben zu sehen.

Verlieren dann klassische Ausstellungen und Museen nicht an Reiz, wenn alles online abrufbar ist?

Es gab in der Vergangenheit immer wieder neue Medien, die alten verschwinden aber nie ganz. Die Schallplatte zum Beispiel kommt ja auch gerade ein Stück weit wieder, man entdeckt neue Zugänge der Nutzung. Vor 20 Jahren haben viele befürchtet, die Museen müssten zu machen, wenn man ins Digitale geht. Es ist aber ein Unterschied, ob ich Mona Lisa im Netz sehe oder davor stehe. Im Museum hat das Objekt eine leibliche Präsenz, ich bin dem Leo im Original näher und hab nicht nur ein digitales Abbild. Das Museum kann analog nach wie vor Dinge bieten, die man online nicht hat. Auch das Gemeinschaftsgefühl, wenn man ins Museum geht. Aber eine digitale Präsenz kann die Nachfrage nach dem Original stärken.

Also sind Sie ein Befürworter der Digitalisierung der Museen?

Nein, ich bin eher ein kritischer Begleiter. Ich sehe es so: die Digitalisierung ist ein Prozess, den ich nicht aufhalten kann. Ich muss damit umgehen und sie als neue Qualität für Museumsarbeit begreifen. Es ist aber eben kein Nebenbei-Produkt. Ein Museum muss sich dem schon verantwortungsvoll widmen, damit es gelingt. Kleine Häuser haben dafür aber nicht immer das Geld und die Ressourcen. Trotzdem glaube ich, dass mit ausreichender Publikumsforschung noch viel in den Museen passiert.

შექმნილია  “ჯამპსტარტ ჯორჯიას” მიერ