Am sozialen Rand der Gesellschaft
Ein Besuch bei der Grazer Tafel

Fast jeder sechste Österreicher ist armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Das Team Tafel Österreich unterstützt diese Menschen und verteilt Woche für Woche Lebensmittel an Bedürftige.

 

Es ist der 22. Dezember, der letzte Samstag vor dem Heiligen Abend. Während mit Weihnachten immer stärker Konsumwahn einher geht, hilft das Team Tafel Österreich Menschen, die froh sind, wenn sie im Monat das Nötigste haben, um über die Runden zu kommen. Freiwillige MitarbeiterInnen des Team Tafel Österreich holen jeden Samstag einwandfreie, aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel aus lokalen Supermärkten, um diese dann an Menschen unterhalb der Mindestlohngrenze auszuteilen. Bei der Koordinationszentrale Liebenau und erstem Standort der Lebensmittelausgabe wartet Hamlet Ghazaryan, Mitte 50, aus Armenien, auf seine Kollegen, die seit 8 Uhr Früh mit zwei Rettungswägen auf Supermarkt-Tour sind. Meistens übernimmt er die Fahrten der Rettungswägen. Bei der Lebensmittelausgabe ist er eher selten dabei. Er bekomme sehr schnell Mitleid mit den Menschen dort, erzählt er. „Man denkt immer, in Österreich oder Europa hat es jeder gut, das ist aber nicht so“.

 

Laut Armutsbericht der Statistik Austria waren 2017 rund 1,2 Millionen Menschen, also 14% der Bevölkerung, armutsgefährdet. Konkret in der Steiermark waren es 196.000 SteirerInnen. Sie alle haben auf zwölf Monate gerechnet weniger als 1.238 Euro monatlich zur Verfügung.

 

Sieben Standorte reichen nicht

Mittlerweile hat sich Sybille Uller, Leiterin des Standorts Liebenau, zu Hamlet gesellt. Beide sind eifrig am Spekulieren, wie viel Lebensmittel wohl heute bei den Supermärkten übrig bleibt. Noch dazu wird später am Abend erstmals die Lebensmittelausgabe in der Großmarktstraße in Gries, als zweiter Standort, eröffnet. Dementsprechend ist die Aufregung groß. „Wir sind schon alle gespannt, wie viele Leute tatsächlich kommen werden; es ist schwer abschätzbar. In Liebenau sind es meistens so 200 bis 350 Menschen. Lebensmittelkartons, die hier ankommen, können schon mal 400 sein“, erzählt Sybille Uller. Mittlerweile ist es 12 Uhr; immer wieder sieht sie auf die Uhr. Als Leiterin des Team Österreich Tafel Graz ist sie unter anderem dafür zuständig, die Fahrten einzuteilen und dafür zu sorgen, dass die Lebensmittel zeitgerecht bei der Ausgabestelle eintreffen. Doch heute verspätet sich der Vormittagsdienst aufgrund des enormen Verkehrs und Andrangs in den Geschäften. Um 13.30 Uhr treffen schließlich zwei Rettungswägen des Roten Kreuz, bis zum Dach gefüllt mit Lebensmittelkartons, in Liebenau ein. Sofort entladen Helfer die Autos, wuseln mit vollen Kartons im Gang herum, bringen die Lebensmittel in die Räumlichkeiten und werfen die leeren Kisten in eine Ecke. Schließlich sind die Wägen leer und bereit für die nächste Tour.

 

Die Lebensmittlekartons füllen die Räumlichkeiten in Liebenau.
Nun müssen noch die restlichen Routen gefahren werden, damit die HelferInnen auch bei dem Standort in Gries genug Ware an die Bedürftigen austeilen können.
Elf Supermärkte in drei Stunden – eine Fahrt durch St. Peter

Für Hamlet geht es nun endlich los. Heute ist er für die Route in St. Peter eingeteilt. Den alten und in die Jahre gekommenen Rettungswagen zu fahren, ist für ihn noch immer eine Herausforderung. Der studierte Mathematiklehrer flüchtete vor drei Jahren mit seiner Familie aus Armenien nach Österreich. Wann Hamlet seinen Asylbescheid bekommt? „Das weiß Gott und Richter“, sagt er. „Manchmal dauert es drei, vier, oder auch sieben Jahre“. Bis der Bescheid kommt, kann er nicht seinem Job als Lehrer nachgehen, also hilft er beim Roten Kreuz ehrenamtlich aus. Zuhause sitzen und Nichtstun halte er nicht aus. Schon nach dem dritten Supermarkt hat er Mühe, die Kartons im Wagen zu stapeln und zu schlichten. So ziemlich alles ist dabei: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Brot, und auch Kosmetikartikel. Nach insgesamt drei Stunden und elf Supermärkten geht es nach Gries. Während im Radio „Last Christmas“ läuft und das Navi den Weg zum Ziel zeigt, erzählt Hamlet, wie in Armenien Weihnachten gefeiert wird: „Nicht am 24. Dezember, sondern am 6. Jänner. Ein Weihnachtsbaum ist sehr wichtig und bei uns kommt nicht das Christkind, sondern Santa Claus“.

 

Hamlet Ghazaryan...
...beim Einladen der Lebensmittelkartons.
Die Pforten eines neuen Standorts öffnen sich

16.30 Uhr, Großmarktstraße 8 in Gries – Bereits ein Dutzend ehrenamtliche HelferInnen sind vor Ort. So auch Angela Bischof von der Öffentlichkeitsarbeit des Roten Kreuz. Die Neueröffnung des Standorts lässt sie sich natürlich nicht entgehen; die Fotokamera für später hält sie schon Griffbereit in der Hand. Aber auch direkt bei der Lebensmittelausgabe hilft sie öfters mit. „Jeder Standort hat so seine Besonderheit. In Liebenau gibt es eine Betreuung für Kinder. Hier in Gries ist der große Vorteil die Barrierefreiheit. Menschen in Rollstühlen oder auch Eltern mit Kinderwägen kommen viel leichter hinein“, erklärt sie. Mittlerweile sind 23 MitarbeiterInnen vor Ort damit beschäftigt, Lebensmittel zu sortieren und auf einwandfreien Zustand zu prüfen. Eine von ihnen ist Hannah Wlattnig, 18 Jahre alt. Sie absolviert hier ein freiwilliges soziales Jahr. Ihr Vorhaben danach ist Medizin zu studieren und Ärztin zu werden. „Es macht mir sehr viel Freude den Menschen zu helfen und zu wissen, dass man etwas Sinnvolles leistet“, sagt sie, während sie sich Kartons mit Suppenwürzen widmet und diese nach Verfallsdatum ordnet. „Über Privates wollen die meisten selten reden; man merkt, dass es ihnen unangenehm ist".

 

Hannah Wlattnig (rechts) mit ihren KollegInnen bei der Arbeit.
Die Regale füllen sich mit Kartons.
In knapp zwei Stunden soll die Ausgabe beginnen.

Der Großteil der Bedürftigen wartet schon sehr früh, bevor die Lebensmittelausgabe überhaupt anfängt, denn je später man kommt, desto weniger Auswahl hat man. Gerade im Winter kommen die Leute später. Und dennoch: Um 17.15 Uhr warten bereits knapp 30 Menschen vor dem Eingang bei null Grad Celsius. „Keiner, der es nicht wirklich nötig hat, tut sich das hier an“, meint Angela Bischof.

 

Einige Minuten vor 18 Uhr beginnt die Lebensmittelausgabe. Der Ablauf ist bis ins kleinste Detail geplant. Nach der Registrierung werden die Wartenden im Rhythmus von jeweils fünf Leuten aufgerufen und dürfen in das Gebäude zur Ausgabe. Sie gehen selbstständig durch die Räumlichkeiten; der Weg ist mit Absperrbändern vorgegeben, um Chaos und Verwirrung zu vermeiden. An jedem Stand reichen die MitarbeiterInnen ihnen das Essen über die Tische. Wieviel von jeder Ware hergegeben wird, wurde vorab festgelegt, denn es soll sichergestellt werden, dass alle etwas bekommen. Und auch auf ältere Personen wird geachtet. Ihnen helfen die Mitarbeiter beim Tragen der schweren Taschen.

 

18.00 Uhr und die Türen öffnen sich.
Vorab müssen sich die Menschen registrieren.
Dann werden sie zur Ausgabe hineingelassen.
Anlässlich des 22. Dezembers haben sich einige MitarbeiterInnen in Schale geworfen und verbreiten vorweihnachtliche Stimmung.
Von Trockenware, über Milchprodukte...
...bis Konserven ist alles dabei.
Besser als nichts zu tun – wie Asylwerber helfen

Bei dem Stand mit Trockenware steht Uraikhel Saber. Als Asylwerber aus Afghanistan hilft auch er seit einigen Jahren bei der Tafel ehrenamtlich mit: „Es ist doch besser den Menschen zu helfen, als zu Hause zu sitzen und nichts zu tun, wenn ich schon nicht arbeiten darf“. Dass ihm die Menschen hier sehr am Herzen liegen, merkt man sofort, wenn man ihm bei der Arbeit zusieht. Hier und da drückt er ein Auge zu, wenn er zwei anstatt eine Packung Reis über den Tisch reicht. Einige Leute kennt er, da er sie fast jeden Samstag sieht. So auch eine alleinerziehende Mutter aus Afghanistan, die gerade mit ihrer kleinen Tochter vor Uraikhel steht. Mit einem geringfügigen Nebenjob kommt sie kaum über die Runden. Da das Mädchen an einer Glutenunverträglichkeit leidet, versucht Uraikhel immer, wenn es glutenfreien Lebensmittel gibt, diese für die beiden auf die Seite zu legen. Heute ist leider nichts dabei. Er erzählt, dass die meisten Menschen, die zur Tafel kommen, AsylwerberInnen seien. Aber auch PensionistInnen, AlleinerzieherInnen oder Menschen, die obwohl sie arbeiten, nicht so viel verdienen, dass sie ohne Hilfe überleben können.

 

Um 19.30 Uhr endet die Ausgabe. Insgesamt wurden 113 Leute gezählt, die heute Abend hier waren. Aber für die freiwilligen HelferInnen ist die Arbeit noch nicht ganz beendet. Bis 20.00 Uhr räumen sie zusammen und verstauen die Ware, die noch da sind. Selbst von den paar übrig gebliebenen Lebensmitteln wird nichts weggeworfen. Während Gemüse und Obst ins Marienstüberl gebracht und dort für Obdachlose verkocht werden, bleibt die Trockenware hier, um dann nächste Woche wieder an zahlreiche Armutsbetroffene ausgeteilt zu werden.

 

შექმნილია  “ჯამპსტარტ ჯორჯიას” მიერ