Das summende Klassenzimmer
Kinder lernen besser, wenn sie etwas erleben. Die Aktion Bien will Schülern genau das 
ermöglichen.
Grundschule Moselweiß

An einem Tag im März 2014 bastelten die Schüler der Bienen AG an der Grundschule Moselweiß ein Kreuz, hoben ein winziges Grab aus und bestatteten ihre Königin, die sie vorher zerdrückt hatten. Es musste sein. Imkerin Melanie Monreal hat es den Kindern erklärt, hat ihre Fragen beantwortet und mit den Schülern zusammen die Königin zu Grabe getragen. „Die Königin blieb vergangenes Jahr unbefruchtet und legte nur Drohneneier“, erklärt Monreal. Die Rentnerin mit der ausgeblichenen Jeans und den hellbraunen Wanderschuhen lächelt und schüttelt den Kopf:

„Nur mit Männern kann ein Bienenvolk nicht überleben.“

Es war Monreals dritte Schülergruppe, der sie das Imkern beibrachte. Vergessen wird sie sie nicht.

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Melanie Monreal ist Rentnerin und imkert in ihrer Freizeit. Jetzt, wenn die Honigsaison losgeht, trifft sie sich mindestens einmal pro Woche mit den Schülern. Monreal nimmt am Schüler-Lehrer-Tandem der Aktion Bien teil – einem Projekt der Landeszentrale für Umweltaufklärung, das Hansjörg Grönert leitet. Die Idee: An mehr als 80 Schulen in Rheinland-Pfalz stellen Imker zusammen mit Schülern Bienenkästen auf. Unter Anleitung kümmern sich die Schüler um die Insekten und beobachten ihr Verhalten. Im Unterricht wird das Wissen vertieft. Das Land finanziert die Startausrüstung: Bienenvölker, Imkerkleidung in Kindergrößen, Bienenkästen, Smoker – alles in allem 1500 Euro. Danach finanzieren die Schulen ihr Projekt selbst, zum Beispiel durch den Verkauf von Honig.

An der Grundschule Moselweiß haben sie dieses Jahr nur einen Bienenstock. Ein Volk, das nur aus Männern besteht, kann sich nicht reproduzieren. Schon deshalb hatte das Drohnenvolk vom vergangenen Jahr keine Chance. Männliche Bienen können fast nichts. Sie arbeiten nicht, haben keinen Giftstachel, sie sind auch nicht in der Lage, sich selbst zu ernähren, sondern müssen von weiblichen Bienen gefüttert werden. Das männliche Bienenvolk der Schüler war ohne Frauen zum Sterben verurteilt. So ist das in der Natur.

Ein Jahr nach der Bestattung der Königin – an einem sonnigen Tag im April 2015 – schabt der neunjährige Leon Wachs vom Holzrahmen des Bienenkastens. Um ihn herum fliegen Hunderte Bienen. „Beim ersten Treffen zeige ich erst mal den Bienenstock und die Bienen, die Kinder sollen absolut jede Angst verlieren“, sagt die ehemalige Lehrerin Monreal. Leon darf einen faustgroßen Wachsklumpen aus dem Stock nehmen. Er muss dazu tief in den Bienenkasten greifen. Drei weitere Kinder hatten sich freiwillig gemeldet, als Monreal fragte, wer sich das trauen würde.

 

„Man sieht ab und zu mal Bienen auf Blumen, klar. Aber einen ganzen Bienenstock“, sagt der Neunjährige und hebt die Arme, „das ist neu, das sieht man doch nicht alle Tage!“

 

Diesen Wachsklumpen zog Leon aus dem Bienenstock

 

Die neue Bienen AG der GS Moselweiß

Die Schüler nutzen einen Schrebergarten im Unterbreitweg in Moselweiß.
Mit dieser Klammer fängt die Imkerin Melanie Monreal zwei Bienen, um eine davon später zu markieren.
Mit diesem Körbchen kann eine Biene, die markiert werden soll in die Richtige Position gebracht werden.
Mit einem Filzstift markiert Melanie Monreal die Biene, damit sie später wieder gefunden werden kann.
Die Bienen AG der Grundschule Moselweiß
Imkerin Melanie Monreal
In diesem Jahr haben die Schüler nur einen Bienenkasten.
In den verschlossenen Waben reift der Nachwuchs heran.
Imkerin Melanie Monreal hat im Bienenkasten viel Wildbau der Bienen entdeckt.
Die Bienen AG der Schule trifft sich einmal pro Woche.
Die Schüler schauen sich die Waben genau an.
Mit diesem Imkermeißel, auch Stockmeißel genannt, zieht Monreal die Waben aus dem Bienenkasten.
Beim ersten Treffen der Bienen AG sollen die Kinder zunächst die Angst vor den Insekten verlieren.
Mit einem kleinen Besen fegen Imker die Bienen von den Waben, ohne sie zu verletzen.
Indem die Kinder selbst in der Natur handeln, eignen sie sich Naturwissen nachhaltiger an.
Die Bienen AG der Grundschule Moselweiß
Mit diesem Kännchen, einem Smoker, wird Rauch produziert, der die Bienen ruhig stellt.

Silke Allmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogik der Universität Koblenz, hält die Aktion Bien für vorbildlich. „Für die Vermittlung von Wissen sind solche Projekte durch nichts zu ersetzen – weder durch Bilder noch durch Spiele oder einen ausschließlichen Wortunterricht“, sagt sie. Nach Ansicht der Expertin werden Naturerfahrungen von Kindern immer mehr zum Aufgabenbereich von pädagogischen Einrichtungen, weil die Kinder selbst weniger in der Natur aktiv sind. Das liege unter anderem am verstärkten Schutzbedürfnis der Eltern. „Die Gefahren in der Welt werden heute schneller und deutlicher kommuniziert, dadurch sind sie den Menschen auch präsenter“, erklärt Allmann.

Gerade jüngere Kinder verhalten sich in der Natur normalerweise unverkrampft und neugierig. Oft kommt die Angst vor Insekten wie Bienen von besorgten Eltern, die ihre Sprösslinge vor Stichen schützen wollen. 

Kastanien-Grundschule Welschneudorf

An der Kastanienschule in Welschneudorf haben sie keine Angst vor Bienen. Die Grundschüler wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn Hunderte Insekten um sie herumfliegen. Cool bleiben. Das reicht. Die beiden Bienenstöcke der Grundschule stehen auf einer Wiese des benachbarten Ferienhofes, zwei Meter weiter grasen zwei Esel. In der Luft liegt der Geruch des Frühlings: erdig und blumig.

Wenn Bienen in der Natur Futter finden, fliegen sie zurück in den Bienenstock und fangen an zu tanzen. Vor den Facettenaugen ihrer Arbeiterkolleginnen führen sie dann eine perfekte Choreografie vor. Sie teilen den anderen dadurch die Flugrichtung, die Entfernung und die Qualität der Nahrungsquelle mit. Schwänzeltanz nennen das Imker.  

Die Kinder der Kastanien-Grundschule Welschneudorf.
Hansjörg Grönert schaut sich die Bienenwaben genau an.
Er muss aufpassen, dass er nicht die Königin des Bienenvolkes erwischt.
Die Kinder der Kastanien-Grundschule Welschneudorf tragen Schaukästen mit Bienenwaben in die Schule.
Sie wollen sich in diesen Kästen das Verhalten der Bienen näher ansehen.
Imker Hansjörg Grönert erklärt den Kindern, wie man mit den Bienen umgeht. Der Esel hinter ihm musste einen Stich hinnehmen.
Hansjörg Grönert wählt die Waben für den Schaukasten mit Bedacht aus.
Der Imker erklärt den Kindern, in welchen Waben Bienenlarven wachsen.
Vorsicht! Die Bienenkästen sind Unikate und wurden von Berufsschülern der BBS Montabaur konstruiert.
Der Schaukasten mit den Bienenwaben soll in ein Fenster der Schule eingebaut werden.
Eine Honigwabe und eine Brutwabe hat Grönert für den Schaukasten ausgesucht.
Die Grundschüler besuchen ihre Bienen auf einem benachbarten Ferienhof.
Wo ist die Königin?
In dem Bienenkasten ist Wildbau zu erkennen.
Der Imker nimmt dem Bienenstock eine Wabe weg.
Honig- oder Brutwabe?
Hauptsache die Königin ist nicht dabei.
In der Sonne glänzen perfekte Sechsecke.
Viele Bienen sind ausgeflogen, um nach Nahrung zu suchen.
Der Bienenkasten ist verkittet. Hansjörg Grönert muss die Teile mit einer Spachtel trennen.
Ein Bienenkasten besteht aus mehreren Teilen. Oben ist meistens der Futterbereich.
Nur wenige Bienen am Flugloch: Viele Arbeiterinnen sind ausgeflogen, um nach Nahrung zu suchen.
Im Westerwald kommt der Frühling etwas später. Deshalb füttern die Imker hier noch mit Honig oder Zucker.
Den Deckel des Bienenkastens beschwert Hansjörg Grönert mit Steinen.
Unterricht in der Natur.
Die Imkerkleidung in Kindergrößen wird vom Land bezahlt.
Der Schaukasten mit den Bienenwaben ist in einem Fenster der Schule eingebaut.
Das Logo der Aktion Bien
Den ganzen Sommer lang werden die Schüler die Bienen bei der Arbeit beobachten.

Der Schwänzeltanz ist es, den die Grundschüler an der Kastanienschule genauer beobachten wollen. Berufsschüler der BBS Montabaur haben dafür einen Holzkasten mit einer Plexiglasscheibe konstruiert – mit Platz für zwei Bienenwaben.

Die wollen der Imker und Leiter der Aktion Bien, Hansjörg Grönert, und die Viertklässler der Kastanienschule jetzt holen. Nur wenige Bienen schweben vor den beiden Holzkisten. Die meisten Arbeiterinnen sind ausgeflogen, auf der Suche nach Nektar. Hansjörg Grönert zertrennt mit einem Spachtel die verkitteten Teile der Bienenkästen. Dutzende der Insekten sind inzwischen in der Luft, beunruhigt, weil ihr Stock angegriffen wird. Eine Biene sticht einem der Esel ins Gesicht. Er schüttelt sich und schnauft. Hansjörg Grönert nimmt einem Volk eine Brutwabe weg. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht die Königin erwische“, sagt er. Der heranwachsende Nachwuchs soll über den Sommer im Schaukasten leben, damit die Kinder die Entwicklung der Bienen und ihre Lebensweise verfolgen können. Grönert zieht die Wabe aus dem Kasten. In dem schmalen Holzrahmen glänzen perfekte Sechsecke. In einigen reifen Bienenlarven heran. Die Schüler sehen sich das genau an.  

„Kinder lernen besonders gut über das eigene Handeln, über Bewegung und über die Sinne“, erklärt die Pädagogin Silke Allmann. Wenn Schüler direkt in der Natur etwas über Pflanzen und Tiere lernen, die sie selbst sehen und erleben, sammeln sie Primärerfahrungen. Dieses Wissen, so die Expertin, prägt sich besonders gut ein. „Das vom Lehrer vermittelte Wissen sollte so oft wie möglich auf Primarerfahrungen aufbauen.“

 

Augst-Schule Neuhäusel

Primärerfahrungen sammeln auch die Kinder der Augst-Schule Neuhäusel jede Woche. Wenn Rolf Petry die Eierpappen anzündet und in den Smoker legt, geht es los. Dünne, graue Schlieren ziehen sich aus der Blechbüchse. Zwei-, dreimal drückt Petry auf den Blasebalg am Smoker. Später sollen die Kinder damit die Bienen einräuchern. Eierpappen eignen sich hervorragend für den Smoker. Sie glimmen langsam, und der Rauch, den sie erzeugen, ist dicht und stinkt beißend-säuerlich. Das wird wird die Bienen ruhigstellen.

Normalerweise stellt Rolf Petry den Kindern um sich herum immer ein paar Fragen, wenn sie gemeinsam am Bienenstock sind. Heute übernimmt das Hansjörg Grönert:„Wozu brauchen wir den Rauch?“ – Hände fliegen in die Luft. Hannah war die Erste: „Damit die Bienen denken, dass es ein Feuer gibt und wegfliegen“, sagt das zehnjährige Mädchen. Die Ärmel des Imkeranzuges sind ihm ein bisschen zu groß.„Und damit sie wegfliegen können, brauchen sie Energie. Der Tank muss voll sein. Was tanken die Bienen?“ Einen Augenblick ist Ruhe. Natürlich kennen die Kinder die Antwort, aber sie ahnen, dass die beiden Imker mehr wissen wollen.„Honig! Und mit vollem Bauch sind die Bienen ganz müde. Deshalb sind sie ruhiger“, sagt Fabienne schließlich. Die Imker sind zufrieden.

Angst vor den Insekten mit dem Giftstachel hat hier niemand mehr.
Imker Rolf Petry zeigt den Schülern der Augst-Schule Neuhäusel eine Wabe.
Der Leiter der Aktion Bien, Hansjörg Grönert, stellt den Kindern Fragen zur Lebensweise der Bienen.
Mit diesem Smoker räuchern die Kinder die Bienen ein, um sie ruhig zu stellen.
Imker Rolf Petry lässt die Kinder selbst Hand anlegen.
Die Waben zieht er aber selbst aus dem Bienenkasten - ohne Handschuhe.
Rolf Petry ist ein erfahrener Imker.
Für die Kinder ist der Unterricht mit allen Sinnen viel spannender als die graue Theorie über das Leben der Bienen.
Diese Wabe werden die Schüler jetzt öfter bestaunen können.
Die beiden Bienenvölker der Augst-Schule Neuhäusel stehen direkt hinter dem Schulgebäude.
Die Kinder gehen völlig entspannt mit den Bienen um.
Der Smoker steht bereit.
Das Zuhause der Bienen aus der Nähe bestaunen.
Jede Woche schaut in Neuhäusel ein Imker vorbei, um mit den Kindern die beiden Völker zu pflegen.
Hansjörg Grönert testet das Wissen der Grundschüler. Die Kinder sind über die Lebensweise der Bienen bestens informiert.
შექმნილია  “ჯამპსტარტ ჯორჯიას” მიერ