Verschwommener Alltag

Hermine Dornauer trat mit 58 ihre Pension an – plötzlich nahm das Leben einen düsteren Verlauf: Ihr Mann starb und die Folgejahre waren von Krankheiten geprägt, die sie unter anderem den Großteil ihrer Sehkraft kosteten. Diese Schicksalsschläge haben die heute 70-Jährige aber nicht bitter gemacht.

 

Wenn Hermine Dornauer Besuch empfängt, richtet sie Schlapfen für den kalten Boden her. Dabei fühlt man sich in ihrer Wohnung sofort wohl: Rote Perserteppiche dämpfen Geräusche, die dunklen Einbaumöbel im Gang drücken ein wenig, schaffen aber eine heimelige Atmosphäre.

Ganz die Gastgeberin, bereitet die 70-Jährige Kaffee zu. Milch und Zucker stellt sie auf den mit blauen Untersetzern gedeckten Tisch. Auf der Seite steht ein Arsenal an Medikamenten, säuberlich in einzelnen Schütten sortiert und ein Audiogerät für Hörbücher. Denn was man Frau Dornauer zu Beginn gar nicht anmerkt, ist, dass sie auf dem rechten Auge nur knapp acht Prozent Sehfähigkeit hat. Das linke fehlt komplett und ist mit einem hautfarbenen Augenpflaster abgedeckt. Somit gilt sie als stark sehbehindert. Sie kann nicht mehr dreidimensional sehen und Farben nur noch wahrnehmen, wenn der Kontrast stark genug ist. Menschen erkennt sie noch schemenhaft: Dunkles oder helles Haar? Gesichtszüge verschwimmen zu einer glatten Oberfläche. Ein hellgrauer Pullover ist für sie weiß.

 

Zu Hause bei Frau Dornauer

Zu Hause bei Frau Dornauer
Eine turbulente Zeit

Das war nicht immer so. Bis zu ihrer Pensionierung mit 58 Jahren arbeitete sie als Sekretärin bei der Wirtschaftskammer. 2007 war dann das Jahr, in dem ihre Krankheitsgeschichte begann. In diesem Jahr starb auch ihr Mann. Schon während seiner Krankheit spürte sie erste Symptome: Sie sah Doppelbilder und die Sicht verschwamm zunehmend. Aber sie wollte sich nichts anmerken lassen, nicht zur Last fallen. Erst als Witwe ging sie zum Arzt. Die Diagnose: Ein zwei Zentimeter großes Melanom in der Orbita, also in der Augenhöhle des linken Auges. Das Auge musste entfernt werden. Nach vier von fünf Chemotherapien schien der Krebs besiegt. Ein Jahr später jedoch die nächste Botschaft: Schilddrüsenkrebs, Entfernung der Schilddrüse, erneut Krankenhausbesuche und Therapien.

2011 wurde dann plötzlich die Sicht auf dem verbleibenden Auge schlechter. Weitere Klinikaufenthalte vergingen bis zur Diagnose. Ein gutartiger Tumor drückt auf den Sehnerv. Er konnte nicht entfernt werden, ohne gesundes Gewebe zu zerstören. Die Sehkraft sank auf unter zehn Prozent – die voranschreitende Altersweitsichtigkeit verschlechtert heute die Sehfähigkeit.

Trotz all dem steht Frau Dornauer noch immer mitten im Leben. Sie ist Schriftführerin beim Blinden- und Sehbehindertenverband, nutzt die Angebote des Vereins und nimmt an Wanderungen und Reisen teil. Privat trifft sie sich mit Freunden und ihrer Familie. Ihr Sohn lebt zwar in Wien, er besucht sie aber regelmäßig und auch zu ihrer Schwester hat sie viel Kontakt. Die Frage, ob sie denn niemals wütend oder frustriert über ihren Gesundheitszustand sei, verneint sie. Ihrer Meinung nach ist es jedoch in Retroperspektive besser, dass ihr Mann ihre Krankheiten nicht mit ihr durchstehen musste. „Das hätte er vermutlich nicht gut vertragen. So muss ich mich nur noch um mich selbst kümmern.“, sagt sie.

Kleine Helfer im Alltag

Sie lebt nun allein in ihrer Wohnung im Westen von Graz. Hier muss alles an seinem Platz stehen. Medikamente, Schlüssel, die Lupen, die fast in jedem Raum bereitliegen. Die Küche ist sauber. Ordentlich aufgereiht hängen Kochlöffel und Pfannenwender an der Wand. Hilfe braucht sie kaum, um ihren Haushalt zu bestreiten. Lediglich alle zwei Wochen kommt eine Reinigungskraft.

Neben den Lupen unterstützen eher kleine Gadgets ihren Alltag. Eine sprechende Armbanduhr, ein Schlüsselanhänger, der ihr die Uhrzeit, ansagt und ihr Smartphone. Umgebaut wurde in der Wohnung aufgrund der Sehbehinderung nichts. Nur ein Licht mit Bewegungssensor wurde im fensterlosen Gang integriert, weil Frau Dornauer in kompletter Dunkelheit schnell die Orientierung verliert. Die größte Investition war ihr Lesebildschirm. Dieser ermöglicht ihr das Lesen von Zeitungen und Flyern. Eine Kamera nimmt das Bild auf und projiziert eine Vergrößerung auf den Monitor.

 

Ein Lesemonitor hiflt, auch kleine Buchstaben zu entziffern

Mit dem Lesemonitor kann Frau Dornauer auch noch kleine Buchstaben entziffern
Barrierefreies Graz?

Nach dem Vormittagskaffee will Frau Dornauer kochen. Heute gibt es Kürbiscremesuppe – die Zutaten hat sie zwar schon zu Hause, aber sie möchte vorher noch ein paar Kleinigkeiten für die Weihnachtszeit einkaufen. Von Online-Shopping hält sie wenig, den Umtausch findet sie mühsamer als auf eigene Faust in das nahegelegene Shopping-Center zu gehen. ¬¬
Den Weg dorthin kennt sie auswendig, immerhin wohnt sie in dieser Gegend schon seit Anfang der 70er-Jahre. Den Blindenstock benützt sie nur, um besser auf sich aufmerksam zu machen. Die Blindenschleife allein genügt ihrer Meinung nach nicht.

Graz empfindet Frau Dornauer als barrierefreie Stadt für Blinde. Das Fahren mit den Öffis ist für sie kein Problem, die Fahrer bleiben an den vorhergesehenen Stellen an der Haltestellte stehen und sagen betroffenen Personen die Linie an. Besucht sie ihren Sohn in Wien, wird sie am Bahnhof von einem ÖBB-Mitarbeiter abgeholt und bis zu einem Platz im Zug begleitet – sofern sie diesen Dienst vorab anmeldet.

Schwierig gestalten sich eher Veränderungen in gewohnter Umgebung oder modernes Design. Im Shopping-Center West erzählt sie, dass Flyer, Poster und Broschüren oft nur noch in Pastell-Tönen gestaltet sind, durch den geringen Kontrast kann sie diese nicht mehr lesen. Auch die Architektur stellt sich dann in die Quere: Als in den Gängen auf den grauen Fliesen des Shoppings-Centers weiße Bänke aufgestellt wurden, ist sie einfach darüber gefallen. „Da ist mir mal die Luft weggeblieben“, sagt sie und lacht, während sie zielgenau auf ihre Lieblingsboutique zusteuert.

Im Shop Betty Barclay wird sie von der Filialleiterin herzlich begrüßt. Man kennt Frau Dornauer hier bereits. Die Mitarbeiter helfen ihr bei der Wahl der Kleidung. Später, wenn alles anprobiert und eingekauft ist, näht eine langjährige Freundin kleine Knöpfe an die neue Ware: Herzchen, Kreise, Vierecke – eine einfache Hilfe zur Unterscheidung von Farben. „Hilfe anzunehmen war zu Beginn gar nicht so einfach, auch wenn die Menschen alle sehr freundlich sind. Das ist für mich ein weiterer Grund, positiv zu bleiben: Wenn man nur noch jammert, das haltet niemand aus. Dann verliert man die Menschen in seinem Umfeld.“

 

Helfer und Freunde finden sich überall

Helfer und Freunde finden sich überall
Eine ungewisse Zukunft

Zu Hause wieder angekommen beginnt sie zu kochen. Der Kürbis ist bereits vorgeschnitten, Zwiebel und Knoblauch hackt sie selbst in feine Stücke – als sie eine Zehe Knoblauch nicht mehr findet, fragt sie amüsiert ob sich in der Nähe ein Knoblauchdieb befindet und holt einfach eine weitere Knolle aus dem Vorratsschrank. Die Suppe schmeckt gut, ein paar größere Stücke schwimmen noch darin. Sie ärgert sich das erste Mal an diesem Tag, als im Teller ein Plastikstück auftaucht. Eine in den Topf gefallene Plastikkapsel vom Schlagobers hat beim Mixen eine Ecke verloren. Sie fragt sich, wie einem so etwas nur passieren kann.

Nach dem Mittagessen ertönt ein Handy-Wecker. Es ist Zeit für eines ihrer Medikamente. Sie erzählt wofür es ist: Vor zwei Jahren wurde bei ihr die Parkinson-Krankheit festgestellt. Noch merkt man es ihr nicht an. „Aber das Gefühl in der rechten Seite wird schlechter. Vor allem mein Feingefühl in den Händen.“ Wenn es um die Zukunft geht, plant sie nicht zu lange im Voraus. Aber sobald sie durch die Krankheit ihren Alltag nicht mehr alleine meistern kann, wird in der zweiten Eigentumswohnung im oberen Geschoss, eine 24-Stunden-Pflegekraft einziehen. „Ich will, dass man sich für mich Zeit nehmen kann.“

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