2014: Das Jahr in Social Media

Der Social-Media-Jahresrückblick der Rhein-Zeitung.

Mehr Reaktionen im Netz beim WM-Finale, mehr Engagement durch Eiswasser-Wettbewerbe oder "Happy"-Song. Aber ein Video in 12:55 Minuten des 24-jährigen Simon "Unge" Wiefels war vielleicht am folgenreichsten für Deutschlands Social-Media-Welt. Die Lawine nach einem Video von @unge zeigt, wie die Medienzukunft anrollt. Sie probiert sich noch aus, sie kennt den genauen Weg nicht - aber sie nimmt gewaltig Fahrt auf. 

Passiert ist eigentlich nur, dass @unge, zwei Millionen Abonnenten seiner Videos und 30 Millionen Zuschauer im Monat, sich von seinem Netzwerk trennt, einer Art Plattenlabel für Video-Blogger. Auslöser war offenbar vor allem eine Reise, auf die er seine Fans bei YouTube mitgenommen hatte.

youtube.com/ungespielt
YouTuber Unge(spielt) auf #Longboardtour

Von der 40-tägigen #Longboardtour 1300 Kilometer durch Deutschland hatten er und YouTube-Freunde täglich berichtet. "Stern-TV" war exklusiver Medienpartner, und er hatte einen Sponsoren gesucht. Auf eigene Faust - und darum gab es folgenreichen Ärger. Am 20. Dezember kündigte er um kurz vor 23 Uhr in einem Video seine "#Freiheit" an, und plötzlich überschlugen sich YouTube, Twitter und Facebook.. .

Sympathischer, kreativer Junge, der seinen Fans nah ist, gibt seine geliebten Kanäle auf wegen des knallharten Managements, das ihn auch noch unter enormen Druck setzt und bedroht: Unter den von ihm geschilderten Vorzeichen brach sofort die Empörung los. 30.000 Rückmeldungen auf Twitter innerhalb der ersten Stunde, #Freiheit wurde in kürzester Zeit zu dem meistdiskutierten Twitterthema weltweit. Es dürfte so etwas wie der Aha-Effekt für viele Medien gewesen sein: Die YouTube-Parallelwelt erschien aus dem Nichts riesig auf dem Radar, Twitter ist doch nicht nur die Journalistenblase. Und Mediakraft erreicht mit seiner Stellungnahme zu Vertragsbrüchigkeit zwar die Medien, erzielt aber bei der Masse der YouTuber kaum Wirkung.

 

Jingle Bells als Kassen-Schlager

Die erzielte dafür Lebensmittelunternehmen Edeka mit viraler Werbung, die Maßstäbe und Trends setzte. Erst fanden Menschen auch über Deutschland hinaus Friedrich Liechtenstein "super geil". 13 Millionen Abrufe und zahlreiche Nachahmer hat das Video mit dem Mann, der auch als glaubhafter Weihnachtsmann-Darsteller durchgehen könnte. Zur Weihnachtszeit folgte ein Spot, der noch schneller Kreise zog. "Jingle Bells" als Kassensymphonie (komplettes Video).

Kassen-Schlager in Neuwied

In Zeiten der allgegenwärtigen Smartphones sickerten Bilder davon aber vorab durch. Im E-Center in Neuwied war gedreht worden, nach Proben am Sonntag während des laufenden Betriebs unter der Woche. Und ein Kunde filmte mit, die Bilder zogen schnell Kreise - und unsere Zeitung konnte dann enthüllen, was sich da abgespielt hatte. 

Für deutsche Fußballfans war schon im Juli Bescherung gewesen. Es hatte in der Nacht vor dem WM-Finale begonnen mit einem kleinen Sieg: Einige Hundert Tweets mehr mit dem Hashtag #GER hatten den Ausschlag gegeben, dass die Christus-Statue in Rio de Janeiro vor dem schwarzen Nachthimmel in Rot-Gelb statt im argentinischen Blau-Weiß angestrahlt wurde. 

Es sollte die ganz große deutsche Nacht folgen – und das auf allen Kanälen: Bei Tweets, Instagram-Fotos und Facebook-Beiträgen von Nationalspielern, Bundeskanzlerin Merkel und Weltmeisterpokal war nicht immer ganz klar, wer oder was gerade für wen die Trophäe ist. 

twitter.com/Podolski10
instagram.com/sami_khedira6/
Twitter/@RegSprecher
twitter.com/DFB_Team
twitter.com/Podolski10
twitter.com/fifaworldcup_de

Außenminister Frank-Walter Steinmeier war zwar nicht wie Kanzlerin und Bundespräsident in der Kabine, hatte aber mit seinem auffällig Social-Media-affinen Ministerium im Netz die Nase vorne. Jeder, der etwas auf sich hielt, hatte in den Netzwerken gratuliert und vorher Glück gewünscht, das Ministerium hatte sich dafür aber mehrfach besondere Aktionen einfallen lassen: 

 

WM-Finale bricht Twitter-Rekorde

Mit dem WM-Finale wurden auf Twitter alle bestehenden Rekorde gebrochen: 618.000 Tweets in einer Minute waren zu dem dem Thema beim Abpfiff abgeschickt worden. Ingesamt waren zum Finale 33 Millionen Tweets abgeschickt worden. Dass es auf Facebook 280 Millionen Interaktionen waren, wurde kaum erwähnt. Mal wurde das fröhliche Foto von der Oscar-Verleihung mit Stars zuhauf weitergetwittert – und schaffte es in alle Medien.

Statistik: Die erfolgreichsten Twitter-Momente:

Popstar Rihanna und deutsche WM-Helden auf gemeinsamen Fotos haben aber nicht mithalten können mit einem Selfie, das Showmasterin Ellen de Generes am 3. März getwittert hat. Es war die Nacht der Oscar-Verleihung - und mehr als 3 Millionen Mal wurde das fröhliche Oscar-Selfie mit Stars zuhauf weitergetwittert. Erwartungsgemäß rief es auch die Scherzbolde für Nachahmeraktionen auf den Plan.

Erwartungsgemäß rief es auch die Scherzbolde für Nachahmeraktionen auf den Plan - das entsprechende Meme ließ auch hier nicht lange auf sich warten:

#AufdieTische für Robin Williams

Eine andere Hollywood-Nachricht führte dazu, dass in den ehrwürdigen ARD-Tagesthemen Caren Miosga auf dem Tisch moderierte. Robin Williams ist tot, und Menschen in aller Welt folgen dem Twittertrend, wie in einer Szene aus dem „Club der toten Dichter“ #aufdieTische zu steigen, um sich vor ihm zu verneigen.

 

Tagesthemen

Als Verneigung vor unserem Planeten erscheint, was der deutsche Astronaut Alexander Gerst als @astro_alex bis zu seiner Rückkehr von der ISS aus dem All twittert. Bei der Weltraumbehörde ist die Offenheit für das Netz Programm, mit der Social-Media-Begleitung der Landung auf einem Planeten geben ESA und DLR faszinierende Einblicke und gewinnen Botschafter für ihre Arbeit.

 

Source: twitter.com,/astro_alex
Source: twitter.com/astro_alex
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Source: twitter.com/astro_alex
Source: twitter.com/astro_alex
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Kaltes Wasser und Eiskübel

Im Mai beginnen landauf, landab Menschen, sich mit kaltem Wasser zu übergießen. Es fängt an mit der „Cold Water Challenge“ unter Feuerwehren, nachdem eine Hanauer Löscheinheit die Herausforderung einer Partnerwehr aus den USA angenommen hat. In der ersten Zeit ist das ein unbeschwerter, fröhlicher Spaß, wie die Bilder aus der Region zeigen. Die Videos dazu und die Entstehungsgeschichte der Aktion finden sich in diesem Artikel

Aufgabe bei der Feuerwehr Urbar (SIM): Cold Water Challenge.
Mit Drohne in Singhofen (EMS).
Beim THW am Wiesensee (WW).
Nostalgiker bei der Feuerwehr Lierschied (EMS).
Auf ins Nass - in Nochern.

Die Aktion artet zum Überbietungswettbewerb aus – immer verrückter, aufwändiger, gefährlicher. Als die Challenge unter den Feuerwehren bereits verpönt ist, fordert die Aktion im Münsterland ein Menschenleben. Ein 34-Jähriger wird von der Schaufel eines umstürzendes Baggers erschlagen, mit dem ein Kegelclub die Herausforderung angehen wollte.

Während nur vereinzelt vor allem Wehren auch für einen guten Zweck gespendet hatten, soll das bei der ALS Ice Bucket Challenge im Vordergrund stehen. Von Bill Gates bis Bastian Schweinsteiger gießen sich jetzt Einzelpersonen eiskaltes Wasser über. Seinen Kult-Status untermalt „Captain Jean-Luc Picard“ Patrick Stewart, der einen Scheck unterschreibt und dann das Eis stilvoll im Whiskyglas lässt. 

Die Aktion rückt ALS weltweit in den Blickpunkt und führt dazu, dass aus den USA eine Vervierfachung der Spenden gemeldet wird.

 

Die Netzwerke waren auch 2014 Kontrollinstrument. 18 Millionen Tweets mit dem Hashtag #Ferguson machten die Proteste nach den tödlichen Polizeischüssen auf einen Jugendlichen in aller Welt sichtbar, 2,3 Millionen Tweets mit #UmbrellaRevolution aus Hongkong verhalfen der Demokratiebewegung dort zu mehr Sichtbarkeit, wenn auch nicht zum Erfolg.

Doch nicht nur Entwickler aus der Demokratiebewegung programmierten Anwendungen. Offenbar die Regierung versuchte, ein vermeintliches Protest-Programm per WhatsApp auf die Smartphones der Massen zu bekommen, das die Geräte dann ausspionierte.

Wie Twitter Politik macht, zeigte sich an mehreren Beispielen deutlich. Anfang November outete sich Lettlands Außenminister Edgars Rinkevics in einer Kurznachricht stolz, schwul zu sein. 

Kurz darauf musste eine Abgeordnete der führenden Unionspartei aus der Parteispitze abtreten, weil sie den Umgang der Nazis mit Homosexuellen gepriesen hatte. In Indien wird wochenlang gegen Premierminister Narendra Modi wegen unerlaubter Werbung ermittelt, weil er am Tag der größten demokratischen Wahl in der Welt ein Foto von sich mit Parteisymbol Lotusblüte getwittert hatte.

Die Netzwerke zeigen 2014 aber auch, wie asozial sie sein können: Den von Steinzeit-Ideologie getriebenen IS-Terroristen bescheinigen Experten hochmoderne Social Media-Strategie. Die Netzwerke selbst müssen sich erst auf den Umgang (und das schnelle Löschen) von Hinrichtungsvideos einstellen, um nicht Propagandainstrument zu sein. Der IS lieferte sogar eine App, die in den Accounts ihrer Nutzer automatisch IS-Tweets postete. 40 000 an einem Tag wurden so abgefeuert. Die USA antworten mit einem Twitter-Account, der einerseits die Grausamkeit der IS zeigen und sie andererseits lächerlich machen soll. Etwa mit dem Bericht des "Kämpfers", der nur Latrinen putzen durfte:

Als der Mainzer Tobias Huch, der sich mit einer Spendenaktion für Jesiden im Netz exponierte, angewidert ein Video von der brutalen Ausbildung von Kindern durch den IS postete, wurde das Video auf Facebook mehrere Millionen Mal angeschaut. 

 

 

Doch Unmenschlichkeit spielt sich auch vor der Haustür ab: Nachdem das Video eines Betzdorfers auftaucht (Screenshot), der hasserfüllt einen wehrlosen Hund schlägt, findet sich bald eine Seite mit 100 000 Fans, die die "Todesstrafe für den Tierquäler" fordert. Name und volle Adresse werden präsentiert. 

Selbst gefilmt: Schläge für den Hund.

Lynchaufrufe und auch ein Einbruch in seine Wohnung beschäftigen die Polizei, wegen Gewaltaufrufen wird gegen etliche Nutzer ermittelt. Der Macher der "Todesstrafen"-Seite stellt sich geschickter an. sie wird über Nacht umbenannt, alle Postings sind verschwunden. Sie war offenbar nicht von aufgebrachten militanten Tierschützern gegründet worden, sondern um dummes Klickvieh für Marketingaktionen zu sammeln. 

Ein Trend ist 2014, etwa als Clown maskiert Horrorszenen zu stellen und völlig ahnungslose Menschen für Filmchen zu Tode zu erschrecken. Opfer dieser "Streiche" leiden danach zum Teil unter psychischen Problemen. Die gleichen Menschen, die das lustig finden, sind vielleicht auch die, die Hexenjagden veranstalten. 

Doch die Netzwerke bieten Menschen auch einen Ort, um ihre Trauer zu zeigen und zu verarbeiten. Über Facebook organisiert finden sich Hunderte zur Mahnwache für Tugce A., eine Petition kommt auf 250.000 Unterzeichner, die das Bundesverdienstkreuz für sie fordern.

dpa

2014 sind aber auch viele Menschen in aller Welt einfach mal nur „Happy“ und zeigen es. Zum Hit von Pharell Williams tanzen sie in kurzen Videos. Viele Städte in der Region stellen ihre Versionen ins Netz, unsere Zeitung dreht eine Folge für Koblenz, ein Film aus Trier mit fröhlichen Tänzern mit Down-Syndrom macht überregional Furore. 

 

YouTube.com/britundpaul

Als auch in Teheran eine Gruppe junger Leute unverschleiert dreht, kommen sie in Haft und der Fall schlägt international Wellen. Pharell Williams postet die Forderungen #FreeHappyIranians, und auf Twitter meldet sich schließlich der Account von Staatspräsident Hassan Rohani:

Fröhlichkeit ein Menschenrecht  – wenn sich das durchsetzt, kann 2015 nur gut werden.

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