Lieber ein Schnitzel am Teller als beim Pfarrer im Keller
Der Mesner in seinem natürlichen Arbeitsumfeld
Die Arbeitsutensilien und -materialien.
Das viele Putzen macht ihm nichts aus, sagt er.
Liebevoll werden Kirchenbänke repariert
Sein Arbeitsplatz variiert zwischen Kirchen und Pfarrbüro.

Langsam füllt sich die kleine, barocke Kirche. Alle nehmen ihre Plätze ein – Familie, Feuerwehr, Mesnergemeinschaft. Ein kurzer Blick zur Tochter der Verstorbenen: sie fummelt an ihrer Jackentasche herum, holt ein Taschentuch heraus, das offensichtlich schon mehrmals benutzt worden ist. Eine leise Träne zerfließt an ihrem faltenreichen Gesicht, ihre dunklen Augen starren ins Nichts. Auch ich nehme nun meinen Platz ein. Ein Platz, der mir eigentlich gar nicht zusteht, denn ich kannte weder die Verstorbene, noch ihre Familie. Dennoch bin ich hier, einigen der Anwesenden fällt auf, dass ich hier nicht hergehöre. Meine rote Jacke sticht aus dem Meer von schwarzen Anzügen und Mänteln heraus, meine violetten Haare schlagen sich mit den restlichen, meist monoton-grauen Köpfen, die allesamt auf den Sarg starren. Die Trauer der Anwesenden scheint für mich so unendlich weit weg zu sein. Ich fühle mich schlecht, weil es mir selbst nicht so schlecht wie all den Menschen um mich geht.  Der Mesner drückt mir ein Gebet in die Hand, bevor er aufsteht und nach vorne zum Sarg geht, um seine Rede über die Verstorbene zu halten „Für heute gehörst du auch zur Mesnergemeinschaft“, sagt er und lässt mich mit dem Gebet alleine.

Hätte ich gewusst, dass ich heute auf ein Begräbnis gehen muss, hätte ich mich sicherlich anders angezogen. Hätte ich gewusst, dass ich heute auf das Begräbnis einer völlig fremden Frau gehen würde, wäre ich wahrscheinlich zu Hause geblieben.

Ein Tag mit einem Messdiener. Ich wusste selbst nicht, was mich da erwarten würde. Die Kirche besuche ich nur dann, wenn es um meine Familie geht. Taufen, Firmungen und auch Begräbnisse. Die Kirche besuche ich dann, wenn ich dort etwas zu tun habe. Nicht aus religiösen Gründen. Genau deswegen fand ich den Gedanken, jemanden, der bereits sein ganzes Leben lang im Dienste der Kirche steht einen Tag lang zu begleiten, interessant. Weil diese Hingabe für die Kirche für mich – wie die Trauer auf dem Begräbnis einer Fremden – unendlich weit weg scheint.

Ich treffe mich also an einem Jännermorgen um 07:30Uhr in der Stadtpfarrkirche Hartberg mit Sepp Fink, dem ortsansässigen Mesner der Pfarrgemeinde und außerdem Bundesvorstand der Mesnergemeinschaft Österreich. Mesner Fink ist von kleiner, etwas rundlicher Statur. Auch seine weißen Haare fallen kreisrund um seinen Kopf herum, wie eine Tonsur von Mönchen, bei Mesner Fink aber eher aus natürlichen, altersbedingten Gründen so entstanden. Sein Gesicht und allgemein seine Statur erinnert mich sehr an die von Majestix von Asterix und Obelix. Er begrüßt mich mit einem festen Handschlag und strahlt mir entgegen. „Wir müssen gleich noch alles für die Frauenmesse heute früh vorbereiten.“, sagt er, als er das Tor der Kirche aufsperrt und mich in die Sakristei hineinbittet. Sofort fällt mir das knallgelbe Ikea-Sofa auf, das mitten unter uralten Holzanrichten neben den Utensilien für die Opfergabe steht. „Ein bewusster Stilbruch.“, sagt Fink. „Ich finde ich selbst bin in meinem Tun auch konservativ und progressiv zugleich, das soll sich auch hier zeigen.“. Fink ist bereits seit 35 Jahren hauptberuflicher Mesner. Angefangen hat er mit 20 Jahren und von da an sein Leben dem Dienst in der Kirche gewidmet. Pfarrer wollte er aber nie werden. Warum er das immer ausschloss, weiß er selbst nicht. Und obwohl er nicht mit allem, was in der katholischen Kirche in Österreich geschieht einverstanden ist, würde er doch nie einen anderen Beruf wählen wollen. Er und die anderen rund 200 hauptberuflichen Mesner Österreichs sehen den Dienst in der Kirche nämlich nicht nur als Beruf, sondern viel mehr als Berufung an.

Fink bereitet also weiter die Frauenmesse für diesen Morgen vor. Er weißt die Ministrantinnen ein, bereitet alles für die Opfergabe vor, zieht den Kaplan an. Von der Sakristei aus sieht man, wie sich die Kirche langsam füllt – ausschließlich mit Frauen, die sich auch ausschließlich nur auf die vom Altar aus gesehen rechte Bankreihe, also auf die „weibliche“ Seite setzen. Außer dem Pfarrer und Fink ist hier kein weiterer Vertreter des männlichen Geschlechtes anzutreffen. Obwohl ich selbst eine Frau bin, finde ich auch den Gedanken an eine reine Frauenmesse befremdlich. Zu viele X-Chromosomen auf einmal. Fink huscht noch an mir vorbei, zündet Kerzen am Altar an, begrüßt einige der vorrangig älteren Damen und Besitzerinnen von X-Chromosomen und kommt schließlich zurück in die Sakristei. Begeistert erzählt er mir, er müsse jetzt die Glocken läuten. Seine etwas kleineren, dicklichen Finger finden dann schnell ihren Weg zu einem einfachen Schalter, auf dem „Glocke“ steht. „Das geht jetzt alles elektronisch. So wie der Glöckner von Notre-Dame brauchen wir uns nicht mehr abplagen.“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Mit dem ersten Glockenschlag geht es jetzt raus aus der Kirche und rein in sein Büro. In seinem Zimmer in der Pfarrverwaltung hat kaum mehr als eine Person Platz. Ich mache mich so klein wie möglich und nehme auf einem alten Holzstuhl, der aussieht als wäre er aus einer Schule gestohlen, Platz. Fink macht es sich vor seinem Computer in einem signalroten Drehstuhl gemütlich, an der Wand hinter ihm ein Bild von Papst Franziskus, auf einem Regal daneben einige verschiedene Weine und Spirituosen. Abstinent müssen Mesner ja in keinster Weise leben. Er erzählt, wie begeistert er von Papst Franziskus sei, weil er seiner Ansicht nach Raum für Diskussionen zulasse und er in dem, was er tut, auch glaubwürdig sei. Mit allem, was die österreichische, katholische Kirche und allgemein die Kirche tut, sei er aber natürlich auch nicht einverstanden. „Man muss auch Kritik üben können, Probleme ansprechen und Änderungen bringen. Aber im Allgemeinen mag ich die Kirche natürlich, sonst wäre ich nicht seit 35 Jahren hier.“

Unter Kollegen und Kolleginnen, Pfarrern und Ministranten herrsche aber nicht immer Harmonie und Eintracht, erzählt Fink. Es gäbe immer wieder Streitereien, die ihm viele Nerven kosten. Dennoch würde er nicht tauschen wollen. Zusätzlich dazu unterrichtet er in der Mesnerschule, eine Einrichtung, die sich der korrekten Ausführung des Messdienstes widmet. Jeder hauptberufliche Mesner und jede hauptberufliche Mesnerin muss dort eine Prüfung ablegen, die oft auch Fink abnimmt. Ein zusätzlicher Stresspunkt. Fink druckt den Messplan für die kommende Woche aus. Er blickt verzwickt auf die Uhr. 09:36 Uhr. Um 10:00 Uhr muss er beim Begräbnis in der Nachbargemeinde sein.

Nach einer stressigen Autofahrt im Nachbarort angekommen, hetzt Fink mit mir im Schlepptau in die Kirche. Schon vor dem Öffnen der bereits geschlossenen (weil schon nach Messbeginn) Kirchentür fühle ich mich unwohl, fehl am Platz. Beim Eintreten noch mehr. Um die Hundert Menschen haben sich in der Kirche versammelt, die alle wussten, dass sie heute auf ein Begräbnis gehen würden und deswegen nicht eine rote Jacke anhaben, sondern eine schwarze. Sie wussten, dass sie heute auf ein Begräbnis gehen würden und sind deswegen nicht zu spät. Sie wussten auch, auf wessen Begräbnis sie heute gehen würden. Fink geht voraus zu einer Bank nicht zu weit vorne, aber auch nicht im hinteren Teil der Kirche, in dem ich mich gerne versteckt hätte. Ich war in meinem ganzen Leben zuvor erst auf drei Begräbnissen. Das vierte nun also das einer Fremden.

Die Prozedur ist aber die gleiche: Bibelverse, Fürbitten, Reden. Ich höre all dem geduldig zu, höre einen Abriss des Lebenslaufes der Verstorbenen. Höre, wie ihre Kinder vorm Sarg in der Kirche Reden halten. Und trotzdem verstehe ich nichts. Fink macht sich schließlich auch auf, um seine Rede zu halten. Jetzt sitze ich also alleine mit meiner roten Jacke in einem Meer von Schwarz. Nach all den Reden kommt schließlich die Zeit, den Sarg zu Grabe zu tragen. Der Trauerzug macht sich also auf, alle nach der Reihe. Die Feuerwehr trägt den Sarg, Fink trägt das Kreuz, die Familie hinterher. Ich schließe mich irgendwann an und folge - leider nicht sehr unauffällig. Am Friedhof und am Grab angekommen werden Kränze niedergelegt, Rosen geworfen und Erde verschüttet. Alle versammeln sich um das Grab, hier und da eine Beileidsbekundung, hier und da eine Träne. Momente, die sich für mich unendlich lange anfühlen, weil sie unendlich unangenehm sind, vergehen, bis Fink zu mir kommt und sagt „Wir gehen jetzt Essen.“. Ich folge also wieder, wir verlassen die Trauergesellschaft. Ich bin erleichtert.

Kurz später kehren wir beim „Kirchenwirt“ ein. Fink hat noch einen Mesnerkollegen getroffen, der sich mit uns an einen der rustikalen Holztische setzt. „Das Schnitzel mit Pommes oder mit Reis?“, fragt die Kellnerin. Fink bestellt mit Pommes, sein Kollege mit Reis. Ich bekomme eines mit Pommes. „Das geht auf die Trauergesellschaft. Mahlzeit!“, sagt Fink und prostet mit seinem Kollegen das Krügerl Bier an. Mein schlechtes Gewissen wird größer. Vom Begräbnis einer Fremden zum Totenmahl einer Fremden, bezahlt von Leuten, die ich gar nicht kenne. Dennoch ist der Hunger noch größer als das schlechte Gewissen.

Nach dem Essen verabschiedet sich Fink von seinem Kollegen. Am Nachmittag steht noch der Putz einer anderen Kirche der Gemeinde und das Reparieren von Kirchenbänken am Programm. Beides gemeinsam mit dem Zivildiener der Pfarrgemeinde. Und obwohl beide Aufgaben nicht sonderlich spannend erscheinen, verrichten Fink und sein Zivildiener sie mit höchster Präzision und Hingabe. Kein Staubkorn ist noch in der Kirche zu sehen. Taschentücher und Knöpfe, die unbeachtet auf den Kirchenbänken liegen, werden entfernt. Während die beiden die Kirche putzen, schlendere ich herum, von einem Seitenschiff ins andere, von einem Altar zu den Beichtstühlen. Die Beichtstühle dürften nicht sehr oft benutzt werden, sie fungieren nun als kleine Abstellkammer. Weiße Tuchanden und Tischtücher lassen sich in ihnen ebenso wie ein Staubsauger finden. Amüsiert über die Beichtfaulheit der Hartberger Region kehre ich zu den beiden Putzenden zurück. Sie sind gerade dabei die Kirchenbänke zu reparieren. Die Bänke werden behandelt, als könnten sie fühlen, dass sie gerade ein Bohrer durchdringt. Zur Beruhigung werden sie sanft gestreichelt, liebevoll beäugelt und dann wieder in Reih und Glied gestellt. Nachdem alles geputzt und repariert ist will Fink mir und dem Zivildiener, der kaum älter oder jünger sein kann als ich selbst, ein Geheimnis der Kirche verraten. Er führt uns in ein Seitenschiff mit Marmoraltar der Gottesmutter. „Fällt euch etwas auf?“, fragt er. Der Zivildiener und ich schütteln beide den Kopf. Da zeigt Fink auf den Aufbau des Altares. Papier. Festeres, bedrucktes Papier im Marmorstil hängt dem Altar vor, kein echter Marmor. Befestigt nur mit ein paar Schrauben. „Ich wollte schon immer wissen, was da dahinter versteckt ist.“, sagt Fink. In mir breitet sich die Neugierde von den Zehen bis in die Fingerspitzen aus, auch der Zivildiener schaut unruhig auf das große Papier. Was sich wohl dahinter verstecken mag. Ein Grab mit Gebeinen? Oder auch nur unspektakuläre Dinge wie Tuchanden und Staubsauger? „Vielleicht werde ich das irgendwann auch herausfinden.“, grinst Fink uns beide an und sieht uns die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Heute werden keine Gräber oder Geheimnisse mehr gelüftet.

Um Punkt halb fünf verlassen wir alle die Kirche. „Wir schaffen es immer pünktlich aufzuhören ohne einmal auf die Uhr zu sehen!“, sagt Fink und grinst seinen Zivildiener an. Ganz vorüber ist der Arbeitstag für Fink aber noch nicht. Um 20:00 Uhr muss er noch die Kirche zusperren. Was für den Mesner, der nur 20m entfernt der Kirche in den Räumen der Pfarrgemeinde wohnt, aber kein großer Auftrag mehr ist. Alle verabschieden sich, ich fahre wieder nach Hause.

Obwohl ich wohl nie ganz verstehen werde, warum man sein ganzes Leben der Kirche widmet, so habe ich doch eine gewisse Liebe und Leidenschaft in der Ausführung seiner Tätigkeit bei Fink entdecken können. Egal ob Begräbnis, Kirchenputz oder Glockenläuten: alle Angelegenheiten werden mit derselben Hingabe erledigt. Für mich hat sich meine Beziehung zur Kirche damit aber nicht geändert. Auch zukünftig werde ich nur zu den nötigsten Anlässen den Weg in die Kirche finden. Vielleicht sehe ich dann aber ein oder zwei bekannte Mesnergesichter. Und eine Liebe und Leidenschaft teile ich mit Mesner Fink bestimmt: die zum Schnitzel.

Hier noch ein Video vom Mesner bei einer seiner Tätigkeiten:
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