Leben aus der Mülltonne

Leben aus der Mülltonne. Was zunächst nach einem schlechten Scherz klingt, ist für Jonas* zur Realität geworden – aus mehreren Gründen: Neben einer sportlichen Betätigung sowie dem Beitragen zu einer besseren Welt ist für den Psychologie-Studenten vor allem das Sparen von enormer Bedeutung.

„Es ist ein Wahnsinn, wie viele Lebensmittel täglich weggeworfen werden. Das wirst du schon sehen.“ Mit diesen Worten begrüßt mich Jonas in einer frischen Dezembernacht in der Grazer Innenstadt. Seinen vollständigen Namen will er mir nicht verraten, denn nach wie vor ist unklar, ob Dumpstern legal ist. Dennoch merkt man Jonas die Begeisterung sofort an. Ohne gefragt zu werden erzählt er von seinen ersten Dumpster-Erfahrungen und steuert ohne viel Zeit zu verlieren geradewegs unser erstes Ziel an – ein Supermarkt ganz in der Nähe des Jakominiplatzes. Wir haben Pech – das Eingangstor, hinter dem die weggeworfenen Lebensmittel auf uns warten sollten, ist versperrt. „Das kann schon einmal vorkommen. Manchmal hat man Glück, manchmal eben nicht“, gibt sich der 28-Jährige pragmatisch. Jonas – das wird bereits nach den ersten Aussagen spürbar – ist erfahren. Seit neun Jahren wühlt er mittlerweile im Müll herum. Von der ersten Sekunde weg war er vom „Containern“, wie Dumpstern auch genannt wird, begeistert. Und schockiert darüber, was alles im Müll landet.

Es ist ein Wahnsinn, wie viele Lebensmittel täglich weggeworfen werden.

Jonas, Dumpsterer

206.000 Tonnen Essen werfen alleine die Österreicher gemäß einer Studie des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) jährlich weg. Global gesehen wird sogar ein Drittel aller Lebensmittel weggeschmissen. Jonas blickt der Situation wenig hoffnungsvoll entgegen: „Natürlich ist das ein riesiges Problem, aber ich werde die Welt nicht retten können. Vielmehr sollten sich die Gesetzgeber andere Regelungen überlegen.“ Für ihn liege das Problem nicht bei den Supermärkten, da sie sich nur an die Gesetze halten würden. Diese seien jedoch viel zu streng – Hauptgrund dafür, warum die österreichischen Geschäfte pro Jahr weitere 75.000 Tonnen Nahrungsmittel entsorgen.

Auf der Suche nach genießbaren Lebensmitteln

Jonas auf der Suche nach genießbaren Lebensmitteln

Doch für Jonas ist das nicht der einzige Grund, warum er im Müll nach genießbaren Produkten sucht. Der Psychologie-Student hat mit dem Dumpstern auch einen Weg gefunden, gratis an genießbare Lebensmittel zu gelangen. Dreimal in der Woche sucht und findet er in Mülltonnen Lebensmittel. „Meistens komme ich mit den gefundenen Sachen eine ganze Woche aus“, erzählt Jonas, kurz bevor wir beim zweiten Supermarkt ankommen.  Mit einem Postschlüssel verschaffen wir uns Zugang zu dem abgesperrten Müllraum. „Den Schlüssel habe ich von meinem Vermieter“, liefert er mir umgehend die Antwort auf meinen fragenden Blick. Im Abfallraum angekommen, kann es also so richtig losgehen. Zunächst werden wir jedoch nicht fündig. Erst in der letzten Mülltonne finden wir zahlreiche Getränke, die Jonas und ich brüderlich aufteilen. „Die Getränke für die nächste Feier habe ich bereits, jetzt fehlt nur noch das Essen“, schmunzelt er.

Tatsächlich lädt Jonas seine Freunde nach dem Dumpstern des Öfteren zum Essen ein. Zwar würden sie selbst nie mit zur Suche kommen, Vertrauen in die Expertise ihres Freundes haben Jonas Kollegen aber dennoch. „Bis jetzt war noch nie etwas Unverträgliches dabei. Letztens habe ich sogar Steak gefunden, das wir danach gegessen haben“, erklärt er mit leuchtenden Augen. Das Dumpstern ist für Jonas nicht nur eine Möglichkeit, seinem größten Hobby nachzukommen, es liefert im Anschluss auch Möglichkeiten für sozialen Austausch. Beim Containern selbst sind die sozialen Anknüpfungspunkte hingegen rar gesät. „Bis jetzt war ich immer alleine unterwegs“, erklärt Jonas. Zwar treffe man ab und zu andere Personen – Jonas schätzt die Zahl der aktiven Dumpsterer in Graz auf rund 2.000 –, zu einem regelmäßigen Austausch komme es hingegen nicht. Das passiere nur beim Foodsharing, zu dem mich der Student später noch mitnehmen will.

"Lebensmittel sind kostbar"

"Lebensmittel sind kostbar"

Davor geht es für uns aber noch mit der Suche nach Lebensmitteln weiter. Ich spreche ihn auf den Postschlüssel und den rechtlichen Aspekt des Containerns an. Oft ist von einer rechtlichen Grauzone zu hören, die Dumpsterer beim Nachgehen ihrer Leidenschaft betreten. Und tatsächlich: Perfekt ausjudiziert ist das Thema noch nicht. Zwar stellt das Mitnehmen von Abfall keine Straftat dar, da Müll als herrenlose Sache gilt. Verschafft man sich allerdings unerlaubt Zutritt zu abgesperrten Räumen – so wie Jonas es hin und wieder tut – sieht die Sache juristisch gesehen etwas anders aus: Demnach können sogar bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe die Folge sein. „Es wird in Graz ohnehin nie kontrolliert. Daher habe ich auch überhaupt keine Angst, erwischt zu werden“, sieht der 28-Jährige die Angelegenheit betont locker. Seiner Schwester wurde das Dumpstern allerdings bereits einmal zum Verhängnis. Bei einer nächtlichen Tour durch Wien wurde sie von der Polizei erwischt. Folgen sollte das Dumpstern jedoch keine haben – abgesehen davon, dass Jonas Schwester seit diesem Zeitpunkt auf das Herumstöbern im Müll verzichtet. „Das ist ihre Entscheidung, aber für mich wäre das unvorstellbar“, sagt Jonas.

Spontan machen wir noch bei einem dritten Supermarkt Halt, den Jonas selbst noch nicht kennt. Verzweifelt suchen wir zunächst den Eingang. Nicht immer sei es leicht, die Mülltonnen zu finden, erklärt Jonas. Doch heute haben wir Glück. Durch einen Wohnungseingang gelangen wir in einen kleinen Innenhof, in dem der Abfall aufbewahrt wird. Wir sehen, dass neben den Mülltonnen bereits etwas Essen bereitsteht. Gemüse, Gebäck, Süßigkeiten – alles wartet bereits fein säuberlich sortiert auf uns: Offenbar waren vor uns bereits andere Dumpsterer am Werk. Jonas lässt es sich dennoch nicht nehmen, alle Mistkübel zu öffnen – auch die mit der Aufschrift Bioabfall. Sofort schlägt uns ein übler Geruch entgegen. Im Sommer verzichtet Jonas auch aufgrund der verschärften Bedingungen auf das Dumpstern: „Im Sommer ekle ich mich zu sehr vor den Mülltonnen und deren Inhalt. Zudem bleiben die Lebensmittel in der kalten Jahreszeit länger frisch. Ich würde sagen, dass man von Oktober bis März gut Containern kann.“ In der dunkelbraunen Tonne finden wir frischen Paprika, den Jonas mir schenkt. Er esse prinzipiell nichts vom Bioabfall, lautet seine Begründung. Wir suchen weiter und werden auch in den restlichen Tonnen fündig. Brot, Croissants, Krapfen, Mini-Pizzen und Käsestangerl, Joghurt, Milch – spätestens jetzt verstehe ich, was Jonas meint, wenn er sagt, dass er sich fast ausschließlich vom Dumpstern ernähren kann. Blick auf das Ablaufdatum der Produkte: der heutige Tag. „Das ist nichts Außergewöhnliches“, scheint Jonas meine Gedanken lesen zu können. Gemeinsam entscheiden wir, dass die für heute anberaumte Foodsharing-Tour auf nächste Woche verschoben wird. Stattdessen genehmigt sich der Student ein eben gefundenes Croissant: „Schmeckt hervorragend“, lächelt er und bietet mir einen Biss an. Er hat Recht.

Ich habe überhaupt keine Angst, erwischt zu werden.

Jonas, Dumpsterer

Jonas und ich sehen einander exakt acht Tage später zum Foodsharing wieder. Dieses Mal geht es zu einem bekannten vegetarischen Restaurant in der Grazer Innenstadt. Gemeinsam mit seinen Freunden bringt der Student Lebensmittel, die das Lokal sonst entsorgen würde, zu sogenannten „Fair-Teilern“. Dort können die „geretteten“ Produkte frei entnommen werden. Heute bekommt der 28-Jährige besonders viel Essen mit auf den Weg: „Es ist Weihnachtszeit, da fällt immer etwas mehr für uns ab.“ Bevor es jedoch zu einem der 13 Grazer Fair-Teiler gehen kann, müssen wir das Essen von den Behältern des Restaurants in unsere eigenen leeren. Zu diesem Zweck geht es in Jonas Wohnung, in der uns seine Mitbewohner bereits freudig erwarten. „Es ist immer so, dass wir zu viel Essen bekommen. Daher bleibt für uns immer etwas übrig“, erläutert Jonas. Das wird auch heute so sein.

Von Toast über Joghurt bis hin zu Milch - wir finden fast alles

Von Toast über Joghurt bis hin zu Milch - wir finden fast alles

Bereits beim Umfüllen bemerken wir, welch hohe Qualität das Essen hat. Es duftet herrlich und so beschließen wir spontan, ein gemeinsames Abendessen zu veranstalten. Davor macht sich Jonas jedoch noch schnell auf den Weg zu einem „Fair-Teiler“, um diesen zu befüllen. Kurze Zeit später ist der Student aber schon wieder zurück in seiner Wohnung und wir freuen uns alle darauf, die herrlichen Produkte probieren zu dürfen. „Das Essen ist gleich noch besser, wenn man davor etwas Gutes getan hat“, erklärt Jonas voller Stolz. Wieder soll der 28-Jährige Recht behalten. Es schmeckt vorzüglich. Gleichzeitig bleibt aber dennoch ein bitterer Beigeschmack – auch für Jonas: „Natürlich ist es enttäuschend, wenn derart viele Lebensmittel weggeschmissen werden. Mit dem Dumpstern und dem Foodsharing habe ich aber zumindest für mich eine gute Lösung gefunden.“

*Name geändert

 

 

Powered by  Jumpstart Georgia