Sächsisch ist nicht gleich Sächsisch
Von der Blütezeit

Sachsen war bereits im Mittelalter eine pulsierende Region. Im 11. Und 12. Jahrhundert siedelten sich viele Bauern aus dem deutschsprachigen Altland östlich von Elbe und Saale an. Denn sie bekamen ein Stück Land und mussten geringe Abgaben an die Grundherrn zahlen. Ihre Sprache brachten sie natürlich mit. Über Jahrhunderte hinweg entwickelten sich die Siedlermundarten zu Dialekten.

Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wurde wie in anderen Reichsgebieten auf Latein geschrieben. Dann näherte sich die Schriftsprache allmählich der Volkssprache an. Das Meißner Kanzleideutsch entwickelte sich im Spätmittelalter zum schriftlichen Standarddeutsch. Und so hat sich auch Martin Luther in seiner Bibelübersetzung von 1522 an der sächsischen Amtssprache orientiert.

Sachsen erlebte dann eine Zeit der Hochblüte. Wer gebildet sein wollte, orientierte sich am Sächsisch der Oberschicht.  Auch die Menschen in Preußen übernahmen die Schriftsprache und die Grammatik des Sächsischen.

Sächsisch für Anfänger
Ein Wechselspiel der Buchstaben

K wird zu G: Gäbbchen

T wird zu D:  Däbbch

P wird zu B: Blinnsn

Ig wird zu isch: Leibzsch

Tz wird zu ds: Fledsen

Ver wird zu for: Forblämmborn

Auf wird zu off: Offhern

Ö wird zu ee: Eftersch

Ei wird zu ee: Beede

Ü wird zu i: Hibsch

Bis zur Witzfigur

1763 war Sachsens Vorbildfunktion jedoch dahin. Preußen besiegte Sachsen im Siebenjährigen Krieg. Das kulturelle Zentrum verlagerte sich nach Berlin. Daraufhin geriet das Obersächsisch zunehmend in die Kritik: Schließlich wich die Schriftsprache stark von der regionalen Aussprache ab. Der Dialekt wurde als Bauernsprache abgestempelt. Im 19. Jahrhundert machten sich Schriftsteller in Komödien über das Sächsisch lustig.

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten die Sachsen dennoch einen gewissen Stolz auf ihre Mundart. Im Nationalsozialismus verbot der NSDAP-Gauleiter Martin Mutschmann jeglichen Spott über den Dialekt. Er prägte dabei den Stereotypen der engstirnigen Sachsen. In der DDR hievte Walter Ulbricht das Sächsisch wieder zur Oberschichtssprache. Im Westen verbreitete sich der Eindruck, Sächsisch sei die Sprache der DDR. Dieses Bild hat sich zum Teil bis heute gehalten. Zudem gilt die sächsische Mundart als der unbeliebteste Dialekt in ganz Deutschland.

Umfrage: Was halten Sie davon, wenn sich Menschen über den Dialekt lustig machen?
Brainstorming zu Sachsen und Dialekte

Mindmap erstellt von tanja.goldbecher mit GoConqr

 

Mehr Selbstbewusstsein beim Sprechen

Warum wirkt Sächsisch für manche Menschen lächerlich oder dumm? Und warum ist die Mundart der unbeliebteste Dialekt in Deutschland? Beat Siebenhaar beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Dialekten in Sachsen. Er stammt ursprünglich aus der Schweiz und ist seit 2008 Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Leipzig. Im Interview erklärt Siebenhaar, dass das schlechte Image dem Sächsischen schon seit dem 17. Jahrhundert anhaftet. Die Sprecher wurden als ungebildet abgestempelt. Heute würde aber gar nicht so sehr der Dialekt belächelt, sondern vielmehr ein sächsischer Akzent, der sich am Hochdeutsch orientiert.

So verhält es sich auch mit der Beliebtheit von Dialekten: „Beliebt ist nicht etwa Plattdeutsch, sondern wie die Norddeutschen die Standardsprache aussprechen“, sagt Siebenhaar. Wenn also das Wort Tag wie „Tach“ ausgesprochen wird, sei dies wesentlich akzeptierter als die sächsische Variante „Toch“.

Um das Klischee von dem Dialekt abzuschütteln, müsste sich einiges in Sachsen ändern. „Ein wichtiger Teil ist sicher das Selbstbewusstsein beim Sprechen“, sagt Siebenhaar. Ein weiterer Schritt wäre es, dass Mundarten häufiger in den Medien auftauchen. Sendungen auf Sächsisch wären zum Beispiel denkbar. Denn wenn der Dialekt zurzeit verwendet wird, dient er meistens nur zur Belustigung in Kabarettshows. „Dialekte müssen gesprochen werden“, sagt Beat Siebenhaar. Ansonsten sind Mundarten Kulturgüter, die nur in Museen einen Platz finden.

Beat Siebenhaar stellt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Frage: „Ist es denn von den Menschen gewollt, Sächsisch wieder mehr in den Alltag zu integrieren?“ Denn Sprache verändert sich fortlaufend, und auch Regierungen und Schulen können diese Entwicklungen nicht aufhalten.

Interview mit dem Sprachwissenschaftler Beat Siebenhaar
"Berufsbedingt musste ich ihn mir weg mogeln."
Katrin Weber über den sächsischen Dialekt auf der Bühne

Katrin Weber ist eine sächsische Opernsängerin und Kabarettistin. Zurzeit tourt sie mit ihrem Soloprogramm durch Sachsen. Das Schauspiel mit Dialekten gehört zu ihrer Bühnenperformance dazu.

Frau Weber, sie sind gebürtige Plauenerin. Das merkt man Ihnen auf der Bühne gar nicht an. Haben Sie sich den Dialekt abtrainiert?

Katrin Weber: Berufsbedingt musste ich ihn mir weg mogeln. Dafür gibt's im Gesangsstudium ja das Fach Sprecherziehung. Man merkt ihn allerdings schon noch ein bisschen. Aber danke für das Kompliment.

Sprechen Sie anders, wenn Sie bei Ihrer Familie sind?

Katrin Weber: Spätestens nach zehn Minuten. 

Sie benutzen die Mundart in Ihrer Kabarettshow. Warum?

Katrin Weber: Das Publikum wäre regelrecht enttäuscht, wenn ich sie nicht ab und zu benutzen würde. Regionalbedingt, also in erzgebirgischen und vogtländischen Teilen Mitteldeutschlands, verstärke ich die "Klänge der Heimat" dann auch mal. 

Oft werden sächsisch sprechende Menschen als dümmlich dargestellt. Können Sie sich vorstellen warum?

Katrin Weber: Sächsisch klingt halt schon etwas putzig, egal wie intelligent der Inhalt ist. 

Lachen die Sachsen genauso wie andere Menschen über solche Witze?

Katrin Weber: Natürlich. Die große Stärke der Sachsen ist ja ihre Selbstironie. 

Welche Rolle spielen Dialekte und Akzente auf der Bühne?

Katrin Weber: Sie bringen, um es kurz und profan zu sagen, Farbe ins Spiel.

Katrin Weber und Bernd-Lutz Lange
Überall spricht man anders

Wer heute von Sächsisch redet, bezieht sich meistens auf das Dreieck  um Dresden, Leipzig und Chemnitz. Allerdings ist genau in den drei größten Städten Sachsens der Dialekt am schwächsten ausgeprägt. Schon seit 200 Jahren waren die Menschen in den Städten auch außerhalb der Oberschicht stark von der Schriftsprache beeinflusst. Die Unterschiede zwischen den Dialekten wurden immer geringer.

Heute wird in diesen Städten häufig ein sächsischer Akzent gesprochen, der sich jedoch am Hochdeutschen orientiert. Eigene Wörter und eine differenzierte Grammatik, wie im Dialekt, existiert in solchen Fällen nicht. Deutlicher sind die Dialekte und Mundarten im Vogtland, im Erzgebirge, in Meißen und der Oberlausitz zu hören. Dort fallen die Aussprache und die Prägung spezieller Begriffe besonders stark auf.

Mundarten

 

Ein Online-Wörterbuch übersetzt Erzgebirgisch - mit Hörbeispielen

Andreas Göbel aus Schlettau spricht zwar Hochdeutsch, hat sich aber trotzdem in die erzgebirgische Mundart vertieft. Er hat ein Mundart-Wörterbuch ins Internet gestellt, das jeder vervollständigen kann. Bei Wörtern wie Almt ist nicht nur die Bedeutung, ein Küchenschrank, hinterlegt. Eine Tonaufnahme verrät zugleich die korrekte Aussprache.

Seine Oma, Edeltraut Wittig aus Bärenstein, musste für die ersten Aufnahmen herhalten. Oft habe Göbel bei Gesprächen mit ihr  Wörter entdeckt, die er vorher noch nie gehört hat. "Erzgebirgisch wird zwar immer weniger gesprochen, aber es soll nicht verloren gehen", sagt Andreas Göbel. Das Wörterbuch des Informatikers wird seit Jahren virtuell immer größer.

"Das Problem ist, dass es das Erzgebirgische nicht gibt", sagt Göbel. Von Tal zu Tal könne ein und dasselbe Wort unterschiedlich geschrieben und gesprochen werden. Aber genau diese Sprachvielfalt findet sich auf der Internetseite wieder.

www.erzgebirgisch.de

Geschnitzt aus einem ganz anderen Holz ...
"Erzgebirgisch darf nicht aussterben."
Der Musiker Rocco Löser über seine Liebe zur Mundart

Rocco Löser stammt ursprünglich aus Schlettau. Seit 2014 tourt er als freiberuflicher Liedermacher durch Sachsen. Er singt selbstbewusst auf Erzgebirgisch über das Erzgebirge.

Sind Sie stolz darauf, Erzgebirgisch zu sprechen?

Rocco Löser: Natürlich bin ich stolz drauf, Erzgebirgisch zu sprechen.

Sprechen Sie außerhalb von Sachsen anders?

Rocco Löser: Auch wenn ich außerhalb von Sachsen unterwegs bin, spreche ich Erzgebirgisch. Ein Bayer spricht bei uns ja auch Bairisch.

Welches Bild von der Mundart wollen Sie durch Ihre Musik vermitteln?

Rocco Löser: Ich möchte mit der Mundart die Heimatverbundenheit verdeutlichen. Die Liebe zum Erzgebirge. Mundart wird immer weniger gesprochen, Erzgebirgisch darf nicht aussterben.

Geben Sie in ganz Deutschland Konzerte?

Rocco Löser: Durch die TV-Sendung mit Frank Rosin oder auch die von Stefanie Hertel, werde ich auch außerhalb von Sachsen gebucht. Das wundert mich selbst auch. Aber das sagt mir, dass das Erzgebirge doch etwas Interessantes ist.

 

Kulturerbe vs. Stereotyp
Sollten Dialekte erhalten bleiben?
Ja, denn sie sind ein wichtiges Kulturerbe.
Ist mir egal, Sprache verändert sich ständig.
Nein, dadurch werden Menschen nur abgestempelt.
Nein, Hochdeutsch klingt einfach besser.
Poll Maker
 
Vogtland: Jenseits des Sächsischen

Wer sich bei Vogtländern unbeliebt machen will, behauptet sie würden sächseln. Nein, hier wird die vogtländische Mundart gesprochen. Aber Vorsicht, auch das Vogtländische unterteilt sich in verschiedene Mundarten. Im Süden des Vogtlands wird das R gerollt. Damit ähnelt der Dialekt der nordbairischen Mundart. In Reichenbach erinnert das Nordvogtländisch stark an das Erzgebirgisch. In Klingenthal wird eine sogenannte Übergangsmundart gesprochen: das Südostvogtländisch. Und in Plauen spricht man traditionell Kernvogtländisch.

Während Klingenthaler „Mad und Bossen“ sagen, werden die beiden Wörter in Arnoldsgrün bei Schöneck zu „Madle und Gunge“. Dort lebt Doris Wildgrube. Die 56-jährige Ingenieurin setzt sich seit Jahren dafür ein, dass die Mundarten im Vogtland erhalten bleiben. Sie organisiert Mundarttage, Stammtische und Lesungen mit Autoren. Immer wieder hält sie Vorträge in Schulen, um die Kinder mit Witz von dem Dialekt zu überzeugen. Oft begegnen ihr die gleichen Vorurteile: Wer Mundart spricht, ist ein Dorftrottel. Manche Eltern würden regelrecht dafür kämpfen, den Dialekt aus der Sprache ihrer Kinder zu verbannen.

 

Doris Wildgrube über die verschiedenen Mundarten im Vogtland
Mundart ist wie ein Denkmal

„Mundart ist ein Kulturgut“, sagt Doris Wildgrube. Genau wie ein Denkmal, das ebenfalls über viele Jahre gepflegt werden muss. Für sie hat das schlechte Image des Vogtländischen mehrere Ursachen: Zum einen wird die Mundart immer nur dann eingesetzt, wenn in Filmen oder in Theaterstücken jemand als dumm dargestellt werden soll. Anspruchsvolle Mundartkultur sei in heutigen Medien absolute Mangelware.  

Um eine Lösung des Problems zu finden, blickt Wildgrube immer wieder nach München anstatt nach Dresden. „In Bayern wird die Mundart viel mehr gepflegt“, sagt sie. Dort hat die Regierung Materialien an Schulen verteilt, damit sich die Schüler auf eine moderne Art dem Dialekt annähern können. In Sachsen gibt es so etwas nicht. So stellt sich unweigerlich immer wieder dieselbe Frage: Stirbt der Dialekt irgendwann aus? „Wir haben noch Hoffnung“, sagt Doris Wildgrube. Ihr Sohn spreche zum Beispiel mit seinen Freunden noch die vogtländische Mundart. Da viele junge Menschen die Region verlassen, können aber auch die wenigen Spracherben die Entwicklung kaum aufhalten.

So unterhalten sich zwei Vogtländer über das Wetter
Kein Kündigungsgrund

Sächsisch ist kein Kündigungsgrund. Das stand schon 1998 fest, als ein Mann wegen seines Dialektes seine Arbeit verlieren sollte. Das heißt jedoch nicht, dass sächselnde Menschen keine Diskriminierung erfahren. Im Radio und Fernsehen ist es offensichtlich: Eine hochdeutsche Aussprache gilt oft als Voraussetzung – oder muss trainiert werden. Sächselnde Moderatoren sind selbst in Sachsen eine Seltenheit. In vielen anderen Arbeitsbereichen spielt es weniger eine Rolle, woher jemand stammt. Aber auch hierbei bleibt ein gewisses Stigma am Sprecher haften.

Archiv vom Mai 1998

Sächsisch ist nicht der einzige Dialekt, der immer wieder zur Belustigung dient. Auch Bayern, Norddeutsche und Berliner müssen sich manchen Kommentar über ihre Sprache gefallen lassen. Jedoch plaudern sie gelassen weiter. Viele Sachsen würden ihre Herkunft in solchen Momenten am liebsten verschleiern. Die Wiedervereinigung ist sicher ein Grund für dieses Gefühl. Lehrer ermahnten ihre Schüler damals, dass sie dialektfrei sprechen müssten, um im Westen Erfolg zu haben. Sie sollten nicht sofort als Ossis abgestempelt werden. Heute gibt es zwar wieder Verfechter von Mundarten, jedoch befinden sich unter ihnen kaum jüngere Menschen.

Eine sächsische Gemeinschaft
 

Ärzgebirgsch. Mussdä ni vorsteehn.

Das richtige Maß an Heimatliebe

In Zeiten von Pegida und latentem Rassismus gegenüber Flüchtlingen scheint mehr Heimatpflege für viele nicht die erste politische Forderung zu sein. Peter Porsch (Linke) hat den Konflikt wie folgt zusammengefasst: „Fakt ist, dass einem ziemlich starken und möglicherweise sogar in Ansätzen übertriebenen Selbstbewusstsein der Sächsinnen und Sachsen ein nicht adäquates Prestige der sächsischen Dialekte, ja die eindeutige Stigmatisierung gegenüber steht.“ Kurz gesagt: Zu viel Heimatliebe steht zu wenig Sprachpflege gegenüber. Nun stellt sich die Frage, ob man Heimatverbundenheit mit übermäßigem Heimatstolz vermengen kann. Und im gleichen Atemzug: Wo sind die Grenzen?

 

„Was Sachsen sin von echtem Schlaach, die sin nich dod zu griechn.“

Lene Voigt

Doris Wildgrube vom vogtländischen Mundartverein zieht eine klare Linie zwischen, wie sie es sagt, Heimattümelei und der Pflege eines kulturellen Erbes. „Mundarten beflügeln doch sogar den Fremdenverkehr“, sagt Wildgrube. Dialekte können für eine gewisse Weltoffenheit stehen, weil sie zeigen, dass es auch innerhalb eines Landes viele kulturelle Unterschiede gibt. Da heute die Möglichkeit besteht, dass sich Menschen auf der ganzen Welt auf Englisch verständigen, könnten Mundarten aber auch als eine veraltete Form der Abgrenzung angesehen werden.  

Was wird über Sächsisch gezwitschert?

Dialekte in anderen Ländern

Ein gutes Beispiel dafür wie in anderen Ländern mit Dialekten und Akzenten umgegangen wird, ist Irland. In jeder Ecke der Insel hört sich das Englisch ein bisschen anders an. Jedoch wird die unterschiedliche Aussprache weder ab- noch aufgewertet. Tatsächlich sind die Iren eher stolz, wenn man sie Donegal, Galway oder Cork zuordnen kann. Auch in der Schweiz haben Dialekte einen besonderen Stellenwert. Politiker, Banker und Moderatoren sprechen selbstverständlich ihren Dialekt im Fernsehen. „In der Schweiz sind die unterschiedlichen Dialekte ein Teil der kulturellen Identität“, sagt Beat Siebenhaar, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Leipzig. Er stammt ursprünglich aus der Schweiz und sagt, dass sich die Menschen dort schlicht daran gewöhnt haben, öffentlich verschiedene Dialekte zu hören und zu verstehen. Frankreich ist wiederum Deutschland ähnlicher. Dort belächeln die Menschen in Paris gelegentlich einen Elsässer oder jemanden aus Marseille. Das rüttelt jedoch nicht am Selbstbewusstsein der regionalen Sprecher.

 

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