Das wilde Rauschen des Meeres (Clone)

In Wirklichkeit sind es nur zwei oder drei Meter, die mich von den tosenden Wassermassen trennen. Aber dazwischen liegen Welten. Denn solange ich hier mit meinen beiden Füßen fest auf dem Boden stehe, bin ich sicher. Obwohl die Planken unter meinen zerschlissenen Turnschuhen so alt und durchgetreten sind, dass sie bei jedem Schritt stöhnen und klagen, kann ich mich sicher fühlen, weil ich weiß, dass mich die gierigen Wellenzungen hier oben nicht erreichen können. 

 

Doch sobald ich die Kante überschreite, wird die Strömung beginnen, an meinem Körper zu saugen. Zischend und fauchend werden sich die Springfluten über mich ergießen, um sämtliche Wärme aus meinem Wesen zu schwemmen. Und ich werde mir die Seele aus dem Leib strampeln müssen, wenn ich mich gegen die Finger aus Gischt wehren will, die nach mir greifen, um mich hinab in den dunklen Abgrund zu ziehen. 

 

 

Während ich so hinab in die dunklen Wogen starre, wird mir auf einmal allzu schmerzlich bewusst, wie verrückt es ist, sich hinaus in diese gischtspuckende Brandung zu wagen. Niemand, der noch bei gesundem Menschenverstand ist, würde auch nur auf die Idee kommen, sich freiwillig dem wilden Meeresrauschen anzuvertrauen. Aber ich bin nun einmal nicht mehr bei gesundem Menschenverstand. Nicht mehr, seit in Syrien die ersten Bomben gefallen sind. 

 

 

 

Denn wenn man in einem Land wohnt, in dem man nachts befürchten muss, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen, gibt es keinen Platz mehr für logisches Denken oder vernünftige Argumente. Nein, es gibt nur noch Angst. Eine blinde, panische Angst, die einem die Sinne fesselt und jedes Gefühl von Freude oder Glück vollkommen unmöglich macht. Und wenn diese Angst erst einmal tief genug in das Bewusstsein eines Menschen eingesickert ist, erstickt die Stimme der Vernunft von ganz alleine. Ich habe lange darum gekämpft, mir einen klaren Geist zu bewahren. Nach all den Schreckensgeschichten, die ich von Menschen gehört habe, die auf der Flucht gestorben sind, habe ich mich mit aller Kraft gegen das Ziehen in meinem Inneren gestemmt, das mich dazu drängte, das Weite zu suchen. Aber natürlich gibt es in einem Land wie Syrien längst keine Sicherheit mehr.  Alles, was uns dort noch geblieben ist, sind Verzweiflung und Hunger. Und genau deshalb muss ich es versuchen, ans gegenüberliegende Ufer zu kommen, obwohl ich mich dabei in äußerste Gefahr begebe—mit nichts als einem dünnen, zerfaserten Tau als eine letzte Rettungsleine, die mich vom Tod trennt. 

 

Ein letztes Mal geht mein Blick zurück zu den anderen Flüchtlingen, die mit angezogenen Beinen auf dem nackten Boden sitzen und ihre Körper im Einklang mit dem Geschiebe der Wellen vor und zurück wiegen, die Gesichter dabei immer starr vor Angst. Es ist ein Anblick, der selbst für jemanden wie mich, dessen Augen an unvorstellbar großes Leid gewöhnt sind, kaum zu ertragen ist. Und in diesem Moment weiß ich, dass ich einfach versuchen muss, das Unmögliche möglich zu machen. Dieser armen Menschen zuliebe, für die ich die letzte Hoffnung bin. 

 

Also gebe ich ein Zeichen an die drei anderen tapferen Männer, die sich mit mir zusammen in die See hinaus wagen werden, um das Boot den ganzen weiten Weg durch die Meeresfluten bis zum europäischen Festland zu ziehen. In dem Leben, das wir davor geführt haben, mögen wir vier vollkommen unterschiedliche Menschen gewesen sein. Aber jetzt, da wir demselben Schicksal entgegentreten müssen, weil wir die einzigen an Bord sind, die schwimmen können, schlagen unsere Herzen wie eins. Alle sind wir entschlossen, das Meer zu besiegen oder kämpfend unterzugehen. Und deshalb stoßen wir uns jetzt gleichzeitig von der Reling ab, um hinunter in das tosende Blau zu springen.

 

Aber mein Körper ist noch nicht ganz in das Meer eingetaucht, da bereue ich meine Entscheidung schon. Mit der Wucht von Tsunamis prallen die einzelnen Wellen gegen meine Brust und pressen die Atemluft aus meinen Lungen. Ich fühle mich erwürgt von dem tonnenschweren Gewicht der schwarzen Wassermassen, die mich so heftig durchschütteln, dass ich kaum noch weiß, wo oben und unten sind.  Der immense Druck der Strömung presst meine Eingeweide zu einem schmerzhaften Knäuel aus Angst und Verzweiflung zusammen. Ich kann beinahe spüren, wie das kalte Wasser durch meine dünne Haut dringt und jede Faser, ja, jede noch so winzige Zelle zum Zittern bringt. 

 

Aber ich schwimme, mache mühselig einen Armzug nach dem anderen und strecke mich der rettenden Küste entgegen. Obwohl meine Glieder von einer lähmenden Steifheit ergriffen werden, bin ich fest entschlossen, dem Bleidruck der Meereswogen nicht nachzugeben, die mich zurück in den Ozean hinausdrängen. Und so konzentriere ich all meinen Willen auf die Aufgabe, vorwärts zu paddeln, während die Anstrengung in meinem Inneren immer weiter anwächst. 

 

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir vollends die Sinne schwinden werden, aber noch wehre ich mich gegen den Sog der anrollenden Brandung. Weil die Hoffnung immer zuletzt stirbt.

 

Nach dem Vorbild einer wahren Geschichte

 

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