Auch Genf kann günstig

Erstrebt: Touristenprogramm links liegenlassen und die Lieblingsplätze der Genfer entdecken.
Erlebt: Auch in der zweitteuersten Stadt der Schweiz gibt es leistbare Bijous. Eine Fotoreportage.

 

Lionel Hausheer
Vielleicht machen die Regenwolken den Jet d‘eau noch eindrücklicher als sonst.
Lionel Hausheer
Angehende Ärzte mit Gitarre statt Skalpell.

Genf ist heute regenverhangen, grau und wirkt leicht überbelichtet. Kein Postkartenwetter, aber eine Stadt, in der Massanzüge zum Strassenbild gehören wie Tauben nach Venedig, kann davon eigentlich nur profitieren. Und sowieso. Genf wird spannender, wenn man sich hinter die Postkartenansicht wagt.

 

Medizinstudenten aus Bolivien spielen unter dem bedeckten Himmel beschwingte Salsa-Stücke. Eine Menschentraube bildet sich um die gutgelaunten Strassenmusiker. Etwas abseits, hinter einer Reihe Marktstände auf der Treppe des Temple de la Fusterie, sitzt Marta. Mit einer Pizza aus der warmen Coop-Theke beobachtet sie die flanierenden Touristen und Marktgänger.

Sheila Eggmann
Marta isst zwar hier, empfiehlt dafür aber eigentlich die Insel Russeau.

„Die Insel Rousseau gleich hier zwei Ecken weiter gefällt mir in Genf sehr gut“, erzählt Marta. Es sei sehr hübsch dort. Klar, es gäbe auch da viele Touristen. „Aber man trifft auch viele andere interessante Leute da. Freunde, die dort Bier trinken zum Beispiel. Oder Arbeiter, die zu mittagessen.“

 

Die Insel Rousseau sitzt mitten in Genf, mitten in der Rotten, kurz bevor sich der Fluss im Genfersee verliert. Früher war die Insel die Bastion der Stadt, heute wirkt sie aber freundlicher. Ein weisser Pavillon und eine Rousseau-Statue auf einem Sockel thronen in der Mitte.  „Rousseau ist hier ein paar Häuser weiter geboren und hat auch in Genf gelebt“, weiss Marta über den bedeutenden Philosophen der Aufklärung zu erzählen. Rund um die Kupferstatue des Denkers reihen sich Sitzbänke mit Blick auf das Wasser.

 

Lionel Hausheer
Der gebürtige Genfer hat seinen Platz im Kern der Stadt.

Auf einer Mauer neben den Bänken sitzt Emilie mit einer Freundin und erfüllt die Prophezeiung von Marta. Sie essen z'Mittag, und zwar Quinoasalat aus tiefen Glasbehältern.

 

„Einer unserer Lieblingsplätze in Genf ist der botanische Garten“, erzählt sie. „Es ist da recht eindrücklich.“ Und ist das denn das einzige Argument, um den Park mit den Gewächshäusern im nördlichen Teil von Genf zu besuchen? „Nein, er ist auch gratis für Besucher“, sagt Marta und lacht.

Emilies (rechts) Lieblingsplatz in Genf ist der Botanische Garten. Ob dort wohl auch Quinoa wächst?

Der Weg zum botanischen Garten führt durch das Villen- und Diplomatenviertel von Genf. Der Bus schleicht sich durch Schluchten vertikaler Glaswüsten und überlebensgross erscheinender Bürokomplexen.

 

Dann hält er jäh und entlässt die Besucher in eine Umgebung mit sanften Hügel und gepflegten Bächlein.

Sheila Eggmann
Graue Bürokomplexe treffen auf grauen Himmel: Auch das ist Genf.

Der Botanische Garten von Genf ist ein Park mit einer Ansammlung verschiedener milchig-transparenter Gewächshäuser. Doch so satt die frühen Blüten auch leuchten, so dunkler wird der Himmel. Er macht nun seine Regendrohung war.

 

In den Gewächshäusern ist es angenehm warm. Kondenswasser tropft wie Tau von fetten Bananenbaumblättern auf den rauen Betonboden. Ein paar Teenager posieren in aufwendigen Kleidern vor riesigen gelben Blüten. In einem anderen Pavillon stehen Kakteen auf karger Erde und zeigen trotzig ihren verformten Wuchs. Nebenan schweben Fische unter der Oberfläche eines trüben Teiches zwischen Wurzeln von Bäumen, die nach Amazonas aussehen. Licht fällt zwischen den Blättern durch, der Regen verzieht sich.

Lionel Hausheer
Von grau zu grün. Der Botanische Garten sorgt für Farbe.

Ein wenig Touriprogramm muss nun doch sein. Zurück in der Stadtmitte beim Wahrzeichen von Genf, dem Jet d‘eau, konkurrieren die Touristen um das schönste Klischeefoto. Catherine sticht aus der Menge, weil sie nicht fotografiert, sondern mit ihrem Hund gassi geht. „Ich mag das Café Boreol beim Bahnhof“, erzählt sie. „Gleich gegenüber vom Starbucks. Es ist klein aber gemütlich und weniger teuer als Starbucks.“

 

Der Hund setzt sich fürs Foto artig neben Catherine. Das Boreol sei halt auch praktisch für sie, weil sie gleich da in der Nähe auch wohne. Kaum verharrten die zwei für einen Augenblick in der Pose, klickten zwei, drei Fotoapparate der Touristen mit.

Lionel Hausheer
Doppelt grinsen die zwei in die Kamera.

Das Café Boreol ist ein Geheimtipp. Geheim, weil es unglaublich einfach zu übersehen ist. Trotz der farbigen Stühle, um die die Pendler kurven wie Fahrschüler um Pylonen.

 

Leonard steht drinnen vor einer schwarzen Wand mit weiss geschriebenen Kaffeversprechungen und rührt Milchschaum in dunklen Kaffee. Er redet schnell, viel und ansteckend. „Lieblingsplatz?“, leitet er das Thema an einen Freund weiter, der unbeteiligt danebenstand. „Das Espadrou hinter dem Bahnhof ist eigentlich ganz schön gelegen.“

Sheila Eggmann
In umtriebiger Hast: Leonard macht Kaffee für seine Gäste.

Die Strasse, an der das kleine Pub „Espadrou“ liegt, wird saniert. Es ist ein schöner Platz, eingerahmt von farbigen Häusern mit Decken, die aus den Fenstern hangen. Ein ganz anderes Gesicht von Genf, als das rund um den botanischen Garten.

 

Drei Leute üben Kunststücke mitten auf dem Platz. Zu sphärischer Musik balancieren sie Stöcke, wirbeln sie durch die Luft und fangen sie entgegen jedem Erwarten wieder auf.

Lionel Hausheer
Donatella und ein paar Freunde geniessen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Es gäbe viele schöne Plätze in Genf, meint Donatella. „Gerade auch hier in der Umgebung. Zum Fortgehen ist die Rue de Medecin sicher kein schlechter Platz.“  Jeden Mittwoch treffen sich dort ein paar Filmbegeisterte und gehen nacher noch fort. Als sie sich über die Karte bäugt um die Strasse mit den Bars zu zeigen, muss Donatella blinzeln. Die Sonne steht tief und scheint zwischen zwei Häusern mit letzter Kraft auf den Platz. Am Ende musste der Regenschleier über Genf also doch aufgeben.

Nun kommt die Nacht, doch das wäre eine andere Geschichte.

Powered by  Jumpstart Georgia