Wie es ist, nach Deutschland zu kommen.

Wie ist es, nach Deutschland zu kommen? Wie fühlt man sich, wenn man zum Überleben auf Pfandflaschen und Schwarzarbeit angewiesen ist? Wie lebt man, wenn man für ein Jahr ohne Ausweisdokumente und Arbeitserlaubnis in einem fremden Land gefangen ist?

Diese Geschichte beschreibt einen Weg nach Deutschland. Sie beschreibt einen Weg durch Diskriminierung und rechtliche Ohnmacht. Sie betont die Abwesenheit vieler Privilegien im Leben von H.: Eine Berg- und vor allem Talfahrt von Tunis über Heidelberg nach Berlin. Ein Aufruf zur Auseinandersetzung mit white privilege.

Über Kefta und Würde

Seit gut sechs Jahren ist H. jetzt in Deutschland. Dieses Weihnachten hatte er zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum. Heißt das, dass er angekommen ist? 

H. erzählt von seinem Weg nach Deutschland: über Anfangsschwierigkeiten, finanzielle Sorgen und seinen Umgang mit der deutschen Kultur. In seiner Wohnung in Berlin kocht er tunesische Fleischbällchen (Kefta), die seine Mutter ihm bei seinem letzten Besuch mitgegeben hat. Dass er in Deutschland bleiben darf oder ein- und ausreisen kann, war lange nicht selbstverständlich. Sein Weg nach Deutschland ist geprägt von Würde, Mut, Fleiß, Resilienz und der Unterstützung alter und neuer Freunde. 

Sein Weg nach Deutschland

Als H. Ende 2013 in Deutschland ankommt, ist er so überwältigt von der Andersartigkeit des Landes, dass er sich kurz wünscht, dass ihn jemand aus seiner Familie wieder abholen und nach Hause bringen kommt. Die ersten Eindrücke lernt er aber schnell zu verarbeiten.  

„Alles sieht anders aus. Alles sieht sauber aus. Alles sieht schön aus."

Dass er Tunesien verlassen würde, wusste H. schon lange vor seinem Umzug nach Deutschland. Erst überlegte er an Frankreich, denn er spricht die Sprache und hat dort Familie. Aufgrund der nicht stabilen politischen Lage von Frankreich zu der Zeit, entschied er sich dann aber für Deutschland. Freunde in München ermutigten ihn zu dieser Entscheidung, aber drosselten auch seine Erwartungen: Es sei „machbar, aber man braucht Zeit, Geduld und Geld.“

Schlussendlich war es eine rationale Entscheidung. Deutschland ist kein Sehnsuchtsort für H. gewesen. Er war sich bewusst, dass er eine „schwere Sprache“ lernen müsste und Deutsche den Ruf als „schwere Leute“ haben. Für ihn als Tunesier gehört Deutschland schon zu Nordeuropa, mit Ländern in Südeuropa habe Tunesien mehr zu tun. Dennoch hat Deutschland, vor allem aufgrund der Qualität der dort hergestellten Produkte, einen guten Ruf. Händler auf den Märkten seien stolz auf Produkte made in Germany, denn damit könnten sie viel Geld verdienen, sagt H.: Bei solchen Käufen könne man dann kaum am Preis verhandeln, aber dafür hielten die Produkte auch dann ein Leben lang.

Ankunft

H. kam mit dem Ziel, zu studieren, nach Deutschland. Dafür musste er erst die Sprache lernen. Er entschied sich für eine Sprachschule in Heidelberg. Die schöne Stadt hat ihm von Anfang an gefallen. Zwei Jahre hatte er vorher in Tunesien gearbeitet und gespart. Außerdem steckten ihm Familienmitglieder wie Tante und Oma vor der Abreise noch Geld zu. Somit konnte er die Sprachschule im Vorhinein bezahlen und hatte dann 1.500 Euro bar dabei. Dass das nicht lange halten würde, war ihm bewusst. Schließlich musste er davon Miete zahlen, überleben und Versicherung bezahlen. Vor allem durch den letzten Punkt fühlte er sich damit der Gesellschaft angehörig. 

Als dann die Hausverwaltung seines kleinen Zimmers 550 Euro als Belohnung und für Miete und Putzen einforderten, stand H. plötzlich mit nur noch 950 Euro da, von denen er noch die nächsten Monat Miete und alles andere Notwendige bezahlen musste. So früh nach seiner Ankunft konnte er noch nicht gut genug Deutsch für eine Arbeitsstelle und wusste auch nicht, wie er an einen Job kommen sollte – vor allem parallel zur Sprachschule. Also fing er an Pfandflaschen zu sammeln. Er hat es als Job angesehen, war stets gepflegt, sauber und fleißig unterwegs. Er hat sogar Leute direkt nach Pfandflaschen gefragt. „Ich sah nicht aus wie ein Penner oder Alkoholiker“, erzählt er. H. konnte so viele Flaschen sammeln, immer wieder konnte er sich um die 20 Euro auszahlen lassen. 

Aber er kam so auch mit Menschen ins Gespräch, die sich für ihn interessierten. Er erzählte, woher er kam, was er machte und dass er nicht arbeiten konnte: „Ein Mann hat mir 10 Euro in die Hand gedrückt.“ Er erinnert sich an insgesamt drei Fälle, wo ihm Geld gegeben wurde. Die Fälle machten ihn emotional: „Ich hab geweint.“ Das Geld brauchte er aber auch aus einem anderen Grund: „In dieser Zeit habe ich geraucht und mir gesagt: Nein, ich kauf nicht Zigaretten mit dem Geld meiner Eltern.“ Er weiß, dass seine Mutter sonst sauer gewesen wäre. Auch in Tunesien hat sie schon gesagt, dass wenn du rauchst, du das Geld für die Zigaretten selbst verdienen musst.

Aller Anfang ist schwer.

„Der Anfang ist immer schwer, egal was Du machst. Da muss man einfach durchhalten.“

Es war wirklich hart für ihn zu Beginn, er war auf sich allein gestellt. Zeit für Reue hatte er keine, so sehr musste er sich aufs Überleben konzentrieren. Zum Glück machte er in der Sprachschule schnell Fortschritte und konnte sich bald nach einem Job umsehen. Da er sich mit seinem polnischen Deutschlehrer gut verstand – sie beide hatten eine Vorliebe für Witz und Spaß im Unterricht – wandte er sich mit seiner Arbeitssuche an ihn. Dieser arbeitete nebenbei in einem Restaurant eines Tennis-Clubs und wollte ihn dort vermitteln. 

Der Chef des Restaurants, ein Franzose, lud ihn zum Probearbeiten ein. Er gab sich große Mühe, war schnell und fleißig. Für ihn war klar: Ich muss Arbeit finden. Für die zehn Stunden als Spüler wurde er mit 60 Euro ausbezahlt. Zum Glück wurde ihm der Job angeboten. Von da an konnte er zwei bis drei mal pro Woche dort arbeiten. Somit hatte sich drei Monate nach seiner Ankunft in Deutschland seine Lage etwas stabilisiert. Hätte er die Stelle nicht bekommen, hätte es für ihn sehr schlecht ausgesehen. Nun hatte er nach Abzug von Miete und Versicherungen bis zu 400 Euro pro Monat zu seiner Verfügung. 

Diese Stelle war sehr besonders für ihn, weil es die erste in Deutschland war. Auch die Familie war sehr stolz und erleichtert. Als er anrief, um die guten Neuigkeiten zu verkünden, hatten sie erst Angst, weil sie dachten, er müsse nach Geld fragen. Aber er hat es geschafft. „Ich war so fleißig“, sagt H. Nur einen Monat arbeitete er als Spüler, dann wurde er zum Küchenhelfer befördert und war für Salate, Beilagen und Desserts zuständig. Zuerst setzte ihn das total unter Druck und er fühlte sich überfordert. Er haderte mit Selbstzweifeln: „Wie werde ich das schaffen?“ Schließlich hatte er in Tunesien keine Gastro-Erfahrung gesammelt. 

Jedoch meisterte er auch das und lernte schnell, die diversen Gerichte zuzubereiten. Aber es war zu viel Arbeit – vor allem für nur 6,50 Euro die Stunde. Etwas musste sich ändern. Er hatte die Hoffnung, dass er als Kellner mehr verdienen würde. Aber die Stelle bekam er nicht. Also fragte er nach mehr Lohn. Auch das wurde ihm verneint. Stattdessen wurde er zum Beikoch befördert (ohne Gehaltserhöhung). H. nennt seinen Chef geizig: „Er wollte mir meinen Job nicht um 50 Cent erhöhen.“ 

 

Genug ist genug.

Mit dem Mindestlohn kam endlich die bessere Bezahlung. Allerdings durften die Mitarbeiter ab dann auch nicht mehr dort essen. H., der teils zwölf Stunden am Stück arbeitete, sah das nicht ein. Er scherzt, ob er sich dann kurz nebenan einen Döner hätte holen sollen. Als Konsequenz entschied er sich, die Stelle sofort zu verlassen. Im Gespräch mit seinem Chef erwiderte dieser: „So geht’s nicht, du bist hier nicht in Afrika.“. Er hätte mindestens zwei Wochen vorher Bescheid sagen müssen. H. fand sich unfair behandelt. Er sagt, der Chef hätte das Fleisch genommen und ihnen nur die Knochen hingeworfen. Wenn gesetzlich feststünde, dass es Mindestlohn gibt und er dann das Essen verbietet, hat das „nichts mit Afrika oder Europa zu tun. Das ist assi.“ Er wusste, dass er nun genug Erfahrung gesammelt hatte, um egal wo in der Gastronomie zu arbeiten. Er ging. 

Und zwar direkt nach Hause unter die Dusche und dann weiter in die Altstadt zum Goldenen Hecht. Das Restaurant hatte er schon immer so schön gefunden und wollte deswegen jetzt dort arbeiten. Er ging hinein, fragte nach Arbeit und konnte sich direkt mit dem griechischen Küchenchef zusammensetzen. Am folgenden Freitag konnte er schon Probearbeiten und sich beweisen. Sein erster Eindruck war, dass die Leute nett seien. Er schälte Kartoffeln, klopfte Schnitzel und bereitete Püree zu. Nach zwei Stunden war er fertig und beeindruckte so seine Chefs. Es war die richtige Entscheidung gewesen, zu kommen. Er bekam 10,50 Euro Stundenlohn und nach der Arbeit setzten sich alle zusammen wie eine Familie. Endlich fühlte er sich nicht mehr ausgenutzt, sondern endlich aufgehoben.

Sparplan: Ramadan

Um zu sparen, entschied H. sich dazu, im Ramadan zu fasten. In der Zeit fühlte er sich dem Team besonders verbunden. Wenn die Fastenzeit am Tag vorbei war, kamen alle zu ihm. An einem Abend brachte ihm der Barkeeper Saft, Kaffee und Wasser auf einem Tablett. Der Chef erlaubte ihm, dann Pause zu machen und sich alles, was er wollte zu kochen.

„Teilweise habe ich die Zeit vergessen, aber die nicht.“

Und er war der Einzige, der fastete. Bis auf Takis, den Küchenchef, und ihn waren alle deutsch. Er fügt hinzu: „Es gibt gute Leute.“ Im Goldenen Hecht blieb er für zweieinhalb Jahre. 

Als die Sprachschule sich dem Ende zuneigt, fängt er an, sich mit seinen Studienmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Da er nicht weiß, wie er sich seinen tunesischen Bachelor anerkennen lassen kann, entscheidet er sich dazu, noch einen Bachelor zu machen. Er bewirbt sich in Ludwigshafen für Marketing und wird genommen. Seine Kommilitonen empfehlen ihm jedoch, direkt im Master weiterzumachen. Als er zum dritten Semester wechseln wollte, bekam er allerdings keinen Masterstudienplatz. Zusätzlich wurde er auch noch exmatrikuliert: Er hatte nur zwei Module geschafft. Da er sich selbst finanzieren musste und keine Unterstützung wie BAföG erhielt, musste er nebenbei viel arbeiten und konnte nicht mehr schaffen. Da er dort eh nicht weiter studieren wollte, war die Exmatrikulation für ihn okay. 

 

"Du musst das Land verlassen."

Für Deutschland war die Exmatrikulation allerdings schwerwiegender. Da er nicht mehr studierte, sollte er das Land verlassen. Dafür hatte H. kein Verständnis. Schließlich war er nicht faul, er war ja dabei, sich um Alternativen zu kümmern. An dem Tag, an dem der Brief der Ausländerbehörde kam, erhielt er auch die Zusage der HTW Berlin: Er hatte einen Masterstudienplatz. Also befanden sich in seinem Briefkasten gleichzeitig die Möglichkeit zu bleiben und die Aufforderung zu gehen. 

H. geht zur Ausländerbehörde Heidelberg und erzählt von der Zusage. Aber sie bleiben bei ihrem Standpunkt: Er muss nach Tunesien zurück. Er könne ja von da versuchen, einen neuen Antrag zu stellen. Also fährt H. nach Berlin, um es dort an der Ausländerbehörde zu versuchen. Diese gestatten ihm lediglich ein 3-Monate-Visum bis sie die Unterlagen von Heidelberg bekommen. Er nutzt die Zeit, um zur Hochzeit seines Bruders nach Tunesien zu fliegen. Das Geld für die Trips nach Berlin und Tunesien leiht ihm Oliver, der Chef des Goldenen Hechts. Insgesamt 2.500 Euro. Als er dann wieder in Berlin in der Ausländerbehörde steht – mit Immatrikulationsbestätigung und Studierendenausweis – nehmen sie ihm Pass und alle Papiere ab und sagen: „Du musst das Land verlassen.“

„Ich hab geweint, wie soll ich das meiner Familie sagen. Die Leute warten auf mich, die erwarten, dass ich was Gutes mache und die Behörde sagt: Du musst nach Hause gehen. Ich bin kein Krimineller.“

H. versteht die Welt nicht mehr. Ein Jahr dauert es, bis er seinen Pass wieder bekommt. Solange muss er sich ohne Arbeitserlaubnis und Ausweisdokumente durchschlagen. An der HTW kann in der Zeit sein Studium beginnen, ist aber auf die Unterstützung eines Freundes angewiesen. Er leidet: Er hat kaum Geld, Angst, rauszugehen, da er sich nicht ausweisen kann und Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. 

H. bei der Ausländerberhörde, Februar 2020
H. darf bleiben.

Nach dem kräftezehrenden Jahr kann H. endlich wieder sein eigenes Geld verdienen. Über Ebay-Kleinanzeigen findet ein Freund eine Stelle für ihn als Küchenhilfe in einem Restaurant in Grunewald. Zehn Euro soll er pro Stunde verdienen. Als der Chef ihn aber am ersten Tag arbeiten sieht und er wie immer schnell, gewissenhaft und sauber arbeitet, nimmt er ihn beiseite: Er bekommt doch zwölf Euro pro Stunde, soll es aber keinem weiter sagen. Er kann weiter studieren, findet bald ein eigenes Zimmer und einen anderen Job bei einem Start Up.

 

Allein, ausgenutzt, diskriminiert

Als H. nach Deutschland kam, war er auf sich allein gestellt. Dinge, die für in Deutschland Aufgewachsene selbstverständlich erscheinen, waren für ihn fremd. Er war auf Hilfe angewiesen und auf Leute, die bereit waren, ihm zu erklären, wie gewisse Dinge funktionieren. In dieser Situation der Unwissenheit war er verletzlich. Nachdem er schon für die Vermittlung des Wohnheimzimmers eine Belohnung zahlen musste, verlangte auch der Sprachlehrer - den er als Freund gesehen hatte - 100 Euro von ihm für die Unterstützung bei der Jobsuche. H. sah keinen anderen Weg: Er wusste nicht, wie man offene Stellen findet und sich bewirbt. Rückblickend sagt er: „Er hat es nicht verdient.” Schließlich war der Job schlussendlich im selben Restaurant, das war keine große Leistung gewesen. Er hat dem Lehrer nur 50 Euro hinterher gegeben.

„Er hat meine Unwissenheit ausgenutzt. Jetzt kann ich mir Arbeit selber besorgen. Ich weiß, wie es funktioniert.” 

Bis auf seine Bekannten in München hatte er keine Kontakte. Ihm fehlten Kommunikation und Hinweise, die ihm viel geholfen hätten. Auch seine Freunde in München antworteten nicht viel auf Rückfragen und Kontaktangebote. Am Anfang war er deswegen etwas sauer, aber mit der Zeit hat er gelernt, sie zu verstehen: „Die haben Recht. Wenn du hier bist, hast du keinen Bock nur über so Sachen zu reden und sie zu erklären. Vielleicht hat diese Person etwas Schlechtes erlebt und will es vergessen. Und dann fragst du und dann macht es ihm Stress.“ Er hat gelernt, dass man sich manchmal nicht erinnern will. Daran, wie es früher mal war. Ob er gerade auch uns eigentlich lieber nicht davon erzählen würde?

 

„Ich denke nie an so Sachen: Deutscher, Nicht-Deutscher“

Der Job als Spüler habe ihm am Anfang nicht nur finanziell geholfen. Die harte Arbeit hat ihn abgelenkt: „Ich habe mich sehr gefreut. Es war richtig anstrengend.” In der Frühschicht gab es keinen Spüler. Wenn er also nachmittags zu seiner Schicht erschien, stand er schon vor einer vollen Spüle. Er sagt, er musste kämpfen. Es war zu viel Arbeit. Auf die Frage, ob auch Deutsche Spüler wären, antwortet er: „Ein Deutscher macht das nicht.“ Er ergänzt: „Ich denke nie an so Sachen: Deutscher, Nicht-Deutscher.”

In der Küche seines ersten Jobs hat er sich auch nicht als Ausländer gefühlt. Schließlich wäre der Chef selber Franzose gewesen. Er konnte mit ihm auf französisch reden. Das habe ihm auch geholfen. Er hat den Job auch nicht als Möglichkeit gesehen, sich anzupassen. H. dachte nicht daran „Deutscher zu werden, sondern nur ans Überleben”. Obwohl er sich dem Chef verbunden fühlte, erlaubte dieser ihm auch nicht, als Kellner zu arbeiten. Sein Deutsch sei nicht gut genug gewesen und er sähe nicht perfekt genug aus. Dabei hätte er schon besser Deutsch als andere Kellner gekonnt: „Wenn ich Deutscher wäre, hätte ich die Stelle bekommen. Oder wenn ich blond wäre…“ Kellner wollte er nur werden, weil er so mehr Geld verdient hätte. 

„Ich denke nur daran, dass es mir besser geht.“

Also fragt er nach mehr Lohn. Die anderen, die da gearbeitet haben, haben auch mehr bekommen als er. Aber nein, auch das wird ihm nicht erlaubt. Er kann es nicht glauben: „Ich bereite fast alles vor und bekomme weniger als die Anderen.“ Das findet er unfair. Wie er ausgenutzt wurde und dem hilflos ausgeliefert war, wurde ihm im Besonderen erst bei seiner nächsten Stelle bewusst. Der Kontrast zu der Wertschätzung und Einbindung, die er dann erleben konnte, lässt die Zeit in diesem Restaurant eines Tennisclubs deutlicher so wirken, wie es war: H. wurde ausgenutzt und diskriminiert.

 

Rückblick: Ein Jahr ohne Pass

Der Anfang war hart, aber es sollte noch schlimmer kommen. Aufgrund seiner Exmatrikulation wird H. von der Heidelberger Ausländerbehörde aufgefordert, das Land zu verlassen. In seiner Not versucht er es in Berlin erneut. Diese gestatten ihm ein verlängertes Visum von drei Monaten. Als sie dann die Unterlagen aus Heidelberg erhalten, sagen auch sie, dass er gehen müsse. Da steht H. also mit Immatrikulationsbescheinigung der HTW, einer staatlichen Hochschule in Berlin, und soll trotzdem das Land verlassen. 

Er erkundigt sich nach einem Rechtsanwalt. 150 Euro muss er für das erste Treffen bezahlen. Für die Unterlagen und die Bearbeitung weitere 650 Euro. Danach noch mal 1.000 Euro. Das kann er sich kaum leisten. Schließlich haben sie ihm in der Ausländerbehörde alles abgenommen, darunter Pass und Arbeitserlaubnis. Von geliehenen und gesparten Geld kann er nicht lange leben. Er muss wieder arbeiten. Aber wie? Es geht nur schwarz.

 

In Heidelberg hatte H. einen Freund kennengelernt. Er kam ebenfalls aus Tunesien und wohnte inzwischen auch in Berlin. Er studiert und arbeitet nebenbei. H. zieht bei ihm in sein kleines Studentenwohnheimzimmer ein. Es ist 10 Quadratmeter groß. Sie teilen sich alles, auch die Jobs. Der liefert für ein Catering-Unternehmen Essen in Altersheime. Es gibt keine Kontrolle, keinen anwesenden Chef. Der Freund trägt sich in viele Schichten ein: Manchmal geht er, manchmal geht H. Es fällt keinem auf.

Danach machen sie das gleiche bei Foodora. H. hat das Handy des Freundes mit der App und auch sein Fahrrad. Er liefert die Lieferungen aus. Denn auch bei Foodora hast du keinen wirklichen Chef. „Wenn du die Arbeit gut machst, kann dir nichts passieren”, sagt H. Wenn das Geld dann auf das Konto seines Freundes überwiesen wird, zahlt dieser ihn aus. „Anders geht es nicht”, rechtfertigt H. diese Arbeit. Wie hätte er sonst arbeiten sollen? Der Vorteil von Foodora: Es gibt auch Trinkgeld.

„Ich bin Student, spreche deine Sprache und du nimmst mein Alles.”

„Ich war zwölf Monate ohne Arbeitserlaubnis, ohne Pass, ohne nichts”, sagt H. erneut. Er weiß, dass man sich diese Situation nicht vorstellen kann, wenn man nicht einmal selbst drin gesteckt hat. Er versteht auch nicht, wie es so weit kommen konnte:

„Ich bin Student, ich spreche deine Sprache und du nimmst mein Alles.”

Ohne die Unterstützung des Freundes hätte er diese Zeit wahrscheinlich nicht überstanden: „Er hat mir geholfen, mich nicht im Stich gelassen. Ich vergesse ihm nicht, was er gemacht hat.” Alle würden ihn mögen, weil er so viel helfen würde und nie eine Gegenleistung erwarten würde. Da kann sich H. nur anschließen. Er ist so dankbar. 

An der HTW konnte er trotz Visum und Pass sein Masterstudium beginnen. Auch der Rechtsanwalt riet ihm dazu, die Prüfungen zu schreiben und möglichst viele Punkte zu sammeln. So könne er ihn vor der Ausländerbehörde besser vertreten und bestärken. Im ersten Semester schafft H. 20 Leistungspunkte, im zweiten weniger. Er hatte zu viele Sorgen:

„Ich war psychologisch richtig kaputt. Mein Kopf war wie ein Bahnhof: Züge rein, raus. Ich kann mich nicht konzentrieren.“

Er kämpfte mit Hoffnungslosigkeit, Unsicherheit und Trauer. „Ich hatte Angst auf der Straße zu laufen oder feiern zu gehen“, beschreibt er seine Situation, „wenn die Polizei kommt und mich nach meinem Pass fragt, was soll ich dann sagen?” In Momenten der Motivation habe er sich selbst zugeredet, dass es vorbei gehen würde und er einfach durchhalten und weiter kämpfen müsse. In anderen fühlte er sich total am Boden. Er dachte, es gehöre einfach dazu, es sei normal. In seinem Fall, könne man einfach nicht so glücklich sein.

Wenn in diesen zwölf Monaten etwas passiert wäre, hätte H. nicht einmal nach Tunesien zurück gekonnt. Er hatte ja keinen Pass. Er war gefangen in der Situation.

 

Jetzt

Er sieht es als Schicksal, dass er quasi gleichzeitig zu Pass und neuem Job auch noch ein eigenes Zimmer in einem Studentenwohnheim findet. Auch sein Kumpel war begeistert. Er habe gesagt: „Top, Mann. Beweg Dein Arsch. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“ Endlich kann H. durchatmen. Die schlimme Phase ist vorbei.

Nach nur einem Monat bei einem IT-Start Up arbeitet H. jetzt am Fraunhofer Institut in der Verwaltung. Nach sechs Monaten wurde sein Vertrag verlängert. Als Masterstudent verdient er 16,50 Euro pro Stunde. In seinem Studentenwohnheim versteht er sich gut mit seinen Nachbarn, geht viel feiern und lernt seine Freundin kennen. Die beiden sind inzwischen zusammengezogen und in der gemeinsamen Wohnung hatte H. diesen Winter zum ersten Mal einen eigenen Weihnachtsbaum. Für die schwierigen Momente sei er inzwischen fast dankbar, denn er hat viel davon gelernt.

 

Erfahrungen, Empfehlungen, Einschätzungen

Ihm hat außerdem geholfen, dass er die Deutschen und ihr Leben nicht bewertet. Schließlich habe er ja die Entscheidung getroffen zu kommen. Er findet, da müsse er sich anpassen: „Ich muss mich anpassen. Leute müssen sich nicht an mich anpassen. Ich muss mich benehmen wie ein Deutscher.” Für ihn ist es selbstverständlich, die Sprache zu lernen. Wenn er nach Japan gegangen wäre, hätte er auch Japanisch gelernt. 

„Ich muss mich nicht zu 100% anpassen, das wäre nicht schön. Deine Art und deine Kultur musst du behalten.”

Es käme so eine schöne Mischung raus. So könne man sich selbst treu bleiben und gleichzeitig eine neue Kultur und generell Neues erleben. Er freut sich über seinen ersten Weihnachtsbaum. Für Kinder hier wäre das etwas Selbstverständliches, sie würden das innerhalb ihres ersten Lebensjahr erleben. Aber für ihn ist es etwas Besonders. Er zeigt, dass er seine Kultur gerne teilen möchte, aber auch hier mitmachen will. Seiner Erfahrung nach freuen sich Leute über seine Neugier. Das ist ein schönes Miteinander. 

Aber er hat auch gelernt, dass er viel arbeiten muss - eher zu viel. Denn keiner gibt ihm etwas. Er muss gut sein, fleißig sein und am Anfang musste er jeden Job annehmen. Das sei eine andere Motivation als bei Menschen, die hier geboren seien. In Deutschland würde man viel zwischen Ausländern und Inländern differenzieren, vor allem bei Bewerbungen. Das wäre ein Nachteil für ihn. Doch sei es in Tunesien ähnlich, nur dass man da nach den Kategorien verwandt und nicht-verwandt unterscheiden würde. Egal wo müsse man damit umgehen, nicht locker lassen und sich immer weiter bewerben. 

Die Ausbildung sei gut hier, aber hart. Er schätzt, dass viele, die für ein Studium nach Deutschland kommen, es nicht fertig machn. 30 von 100 würden es nur beenden, vermutet er. Viele würden heiraten und abbrechen oder zu einer Ausbildung im Pflegebereich wechseln. Aber für ihn wäre es so eine gute Chance.

Es kommt drauf an, woher du kommst.

Auch wenn es für H. alles andere als einfach war, nach Deutschland zu  kommen, hat er das Gefühl, dass es rein von den Möglichkeiten für Tunesier machbarer ist, nach Deutschland zu kommen. Für die Nachbarländer gälte das nicht so. Er weiß aber nicht warum. Da seien Tunesier privilegierter: Sie könnten mit einem Abi von 2,7 zum Studieren kommen, während man aus Marokko z.B. mindestens eine 1,3 als Abschlussnote bräuchte. Er wüsste gerne warum.

Obwohl er keine wirkliche tunesische Community wahrnimmt, kennt er viele Tunesier an den Berliner Universitäten. Auch an der HTW - dort habe es neulich eine Umfrage gegeben und sie hätten auch ihn angesprochen. Sie haben gefragt, woher er käme. Als er Tunesien gesagt habe, hätten sie gesagt: „Verdammt noch mal, bis jetzt waren alle aus Tunesien.”

Clever oder Geld

H. meint, Deutschland sei nicht für alle Leute. Man müsse entweder clever sein oder Geld haben: „Wenn du halb halb bist, musst du kämpfen.” Sehr kluge Menschen seien in Deutschland Willkommen und sehr Reiche auch. Das sind Migranten, die gebraucht werden. Insgesamt würde er niemandem empfehlen, ohne Geld nach Deutschland zu kommen. Es sei zu schwer, eigentlich unmachbar. Geld sei so wichtig, sagt er: Es ist Stabilität und Sicherheit. 

Die Diskriminierung, die er aufgrund seiner Haar- und Hautfarbe erfahren hat, kann H. akzeptieren. Er sieht die Ungerechtigkeiten, hat dadurch Nachteile, und bleibt trotzdem souverän. Er macht dafür die Einzelpersonen verantwortlich, dass sie mit ihrem white privilege so handeln. Als sein Chef ihm verbot, zu kellnern, dachte er: „Ich bin besser als der, weil der so denkt.”

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